"Darf ich das nun nicht mehr tun?"
(Prinzessin Luise am 22.12.1793)
Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts wurde wohl keiner anderen Monarchin im deutschsprachigen Raum bereits zu Lebzeiten eine derartige kultische Verehrung entgegengebracht, wie Luise Auguste Wilhelmine Amalie Herzogin zu Mecklenburg-Strelitz (1776 - 1810). Die Gemahlin von König Friedrich Wilhelm III. sollte nicht nur zum Symbol für den Wiederaufstieg Preußens und für nationale Entwicklung hin zum Deutschen Kaiserreich werden. Aufgrund ihres Wesens und ihrer Ideale, nicht zuletzt auch wegen ihres frühen Todes im Alter von nur 34 Jahren wurde sie zu einer mythisch verklärten Persönlichkeit, um die sich bis heute zahlreiche Legenden ranken....
....die neben den historisch-tatsächlichen Begebenheiten in einer Vielzahl von Kunstwerken, Biographien und belletristischen Werken Aufnahme gefunden haben. Mit ihrem in der Reihe C.H-Beck Wissen erschienenen Band 'Königin Luise. Leben und Legende' ist es der Autorin Prof. Dr. Luise Schorn-Schütte weitgehend gelungen, Wahrheit und Mythos von einander zu trennen. Ihre textliche Darstellung (ohne die Materialien Zeittafel, Glossar, Bibliographie und zwei Register) beschränkt sich mit 100 Seiten jedoch auf einen Umfang, der im Hinblick auf die anderen Bände der Reihe um mindestens 16 Seiten geringer ist. Auch einem vollständigen Bild von Königin Luise kann dieses knappe Format nicht gerecht werden, so dass bei der Bewertung ein Amazonstern abgezogen wird. Auf die weggelassenen Fakten soll im folgenden noch eingegangen werden.
Nach einer kurzen Einleitung hat die Autorin das Thema in drei Kapitel gegliedert, von denen das erste über die ersten Lebensjahren Luises, ihrem Werdegang von der Kronprinzessin zur König und dem bürgerlichen preußischen Königshaus berichtet. Das Eingangszitat ist symptomatisch für die jugendliche Spontanität und Unbekümmertheit der jungen Prinzessin, die bei ihrer ersten Ankunft in Berlin von der Begrüßung durch die Bevölkerung derart begeistert war, dass sie - sehr zum Missfallen ihrer Oberhofmeisterin - die bürgerliche Sprecherin kurzerhand in ihre Arme nahm und ihr ein Kuss gab. Auch ihr Bestehen darauf, dass auf dem großen Hofball der als unschicklich angesehene Walzer getanzt wurde, war nur ein weiterer Bruch der Etikette. Auch in ihrer Ehe, die von einer ungekünstelten gegenseitigen Zuneigung geprägt war, konnte sie sich mit ihm königlichen Gemahl von den den Rollenzwängen des preußischen Hoflebens lösen. Nicht nur indem sie sich mit 'Du' statt dem formelhaft kalten 'Sie' anredeten, sondern auch in einem liebevollen und familiären Umgang mit ihren Kindern. Durch ihre ganz den zeitgenössischen bürgerlichen Idealen entsprechende Ehe- und Familiengemeinschaft erlangten Königin und König eine große Popularität im Volk. Eine besondere Nähe zur Bevölkerung erlangte das royale Paar auch mit seinen zwanglosen Sonntagsspaziergängen.
Die auch unter Historikern verbreitete Behauptung, dass Luise den französischen Kaiser Napoleon Bonaparte mit ihrem weiblichen Charme habe beeindrucken sollen oder wollen, wird von Luise Schorn-Schütte als "'schlicht unsinnig"' bezeichnet. Ihr Aufgabe habe vielmehr darin bestanden, Napoleon zu präzisen Aussagen über seine Forderungen an Preußen zu bewegen, die er bis dahin stets verweigert hat. Als strikte Gegnerin einer 'anachronistischen französischen Weltmonarchie' hat Luise zwar nicht mitregiert, jedoch traf Friedrich Wilhelm keine Entscheidung, ohne dass er sich zuvor mit seiner Frau beraten hätte. Auch die 'patriotischen Reformen' Hardenbergs und vom Steins hat Luise zumindest indirekt mit forciert. Schorn-Schütte verschweigt jedoch, dass Luise für den russischen Zaren (als Mann) schwärmte und ihre an ihn gerichteten Briefe in Napoleons Hände gerieten, der sie veröffentlichen ließ, was in Frankreich eine Welle von Spott auslöste. Daneben erwähnt sie auch nicht, dass Luise mit ihrem Schal, den sie wegen einer Halsentzündung angelegt hatte, damals auch zur Mode-Ikone wurde. Der Höhepunkt der Luisememoria, die nach der Auflösung Preußens durch Alliierten Kontrollratsbeschluss 1945 in den Hintergrund gedrängt wurde, bestand schließlich in ihrer Rolle als Mutter des (in späteren Zeiten oft zurückgewünschten) ersten preußisch-deutschen Kaisers Wilhelm I.