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Schatzinsel, Robinson Crusoe und Graf von Monte Christo, 11. September 2008
Rezension bezieht sich auf: Der König von Ozeanien (Gebundene Ausgabe)
Wo liegt das Paradies? Wo - jenseits des ungerechten, dekadenten Europa - lässt sich noch eine freie, bessere, gütigere Welt entdecken und entwickeln"? Gegen Ende des 19. Jahrhunderts glaubten verarmte Bauern und reiche Spekulanten leidenschaftlich an die Möglichkeit einer solchen Kolonie des Glücks.
Marquise de Ray, bretonischer Adelige und Abenteurer, missbraucht diese naive Sehnsucht nach einer besseren Welt. Als König Charles I., von Ozeanien" propagiert er die Erschließung einer Südseeinsel als visionäres Projekt, die egalitäre Kolonie La Nouvelle France". Hunderte Kolonisten wagen dieses Unternehmen - und kommen durch Hunger, Erschöpfung und Malaria um, denn das Paradies ist anderswo. Der König von Ozeanien", zynischer Architekt dieses Komplotts, landet nach Umwegen im Kerker. Indes sucht sein betrogener Weggefährte Adré Prevost zwischen dem Hafen von Singapur und den Bordellen Londons vergeblich nach Rache und nach dem verschollenen Vermögen der Anleger.
Erzählt aus Sicht des tragischen Helden Adré Prevost basiert die Geschichte auf historischen Tatsachen. Dabei gelingt dem Autor eine Synthese aus historischem Abenteuerroman, sensiblem Entwicklungsroman und psychologischem Krimi. Im Lesefluss erinnert die Geschichte an Boyles Wassermusik" und Houellebecqs Plattform" gleichermaßen wie an Defoes Robinson Crusoe", Dumas Graf von Monte Cristo" und Stevensons Schatzinsel". Zwischen den flüssig geschriebenen Zeilen beißt satirischer Spott nach der menschenverachtenden Kolonialpolitik des 19. Jahrhunderts. Zugleich wird die Unfähigkeit der Menschen im Umgang mit der Fremde sensibel beleuchtet als große, unstillbare Sehnsucht. Letztlich erzählt der Roman von den historischen Wurzeln des postmodernen Tourismus, jener ewigen Suche nach dem Paradies. Als sei die Wirklichkeit zu unerträglich.
Andreas Obrecht ist Soziologie, Anthropologe und Entwicklungs-Consulter, Verfasser zahlreicher wissenschaftlicher und literarischer Werke über fremde Kulturen und die Begegnung mit ihnen.
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