"Das Leben war Improvisation und gehörte dem, der auf die Irrungen und Wirrungen am schnellsten reagierte."
(Leitsatz des Protagonisten, Seite 75)
Während des Ersten Balkankrieges (1912-1913) kämpfte eine Allianz der Bulgaren, Serben, Montenegriner und Griechen gegen das Osmanische Reich, um dessen europäische Restgebiete untereinander aufzuteilen. Dieses Schicksal hatten die drei letztgenannten Verbündeten auch für das, zwischen Ulcinj im Norden und Korfu im Süden, an der Küste von Adria/Ionischem Meer gelegene Albanien vorgesehen.......
.....das jedoch nach über 400 Jahren osmanischer Herrschaft am 28.11.1912 in der Stadt Vlora seine Unabhängigkeit deklarierte....
Die historischen Ereignisse auf dem Balkan bilden den Hintergrund für die zwischen dem 8. Oktober 1912 und 17. Februar 1913 spielende Haupthandlung des Romans. Alleine die inneralbanischen Wirren jener Zeit bieten Andreas Izquierdo bereits schriftstellerische Freiräume. Die Memoiren des Schaustellers und Hochstaplers Otto Witte (1871-1958) bieten ihm darüber hinaus geradezu eine Steilvorlage. Plausibel und zielsicher setzt er diese in eine literarisch-spannende Geschichte um, die er seinen Protagonisten zwischen 2. März und 16. April in einer Salzburger "Heilanstalt für Gemütskranke" (=zweite Handlungsebene) erzählen lässt. Wie Witte bei seinem Psychiater Schilchegger und den Patienten des "Hauses der Unruhigen Männer" (S. 22), gelingt es dem Autor von der ersten Seite an, den Leser in den Bann seiner unglaublichen Köpenickiade zu ziehen.
Während der kuk Offizier und Diplomat Alfred Rappaport Ritter von (Arbengau) und Essad Pascha (Toptani) tatsächliche historische Personen sind, bleibt offen, ob es sich bei "Hadschi Abdullah", "Ben Dota" um reale Gestalten, bzw. vom Autor oder bereits von Otto Witte erfundene handelt. Hierzu gehört auch Wittes weibliches Pendant, die "Comtesse Dumas", alias Fanny, die als Statistin am Residenztheater München (S. 183) beschäftigt war und wegen ihrer bevorstehenden Hochzeit mit einem Adeligen namens "Ferdinand" an die Klatschpresse unserer Tage erinnern lässt.
Der Lesespaß wird auch nicht durch einige Ungenauigkeiten getrübt, die lediglich als kleine Schönheitsfehler zu werten sind. Der erweckte Eindruck, dass Montenegriner und Serben für ein katholisches Albanien stehen würden (S. 63, 149), widerspricht der Tatsache, dass gerade jene Völker (mehrheitlich) das orthodoxes Christentum repräsentieren. Die Beschreibung der "Titelseite einer Zeitung, die umrahmt von Berichten in "türkischer Sprache" sei (S. 91) lässt einen Hinweis vermissen, dass damals noch das arabische Alphabet in Gebrauch war. Der Begriff "albanische Granden" (S. 287) ist der Geschichte Kastiliens entlehnt. "Ein Deutscher ist König von Albanien geworden" heißt es auf Seite 391, womit Wilhelm Prinz zu Wied (1876-1945) gemeint ist. Dieser trug während seiner sechsmonatigen "Regierungszeit" im Jahre 1914 jedoch den Titel Fürst (alban.: Mbret) trug. Spätestens auf Seite 336 hätte der Schwindel auffallen müssen, als "König Otto I." seine Militärs mit "Effendis" anredete (S. 336), denn der türkische Plural lautet Efendiler.
Obgleich es Otto Witte gelang, die Bezeichnung "ehem.: König von Albanien" als Künstlernamen auch in seinen Bundespersonalausweis eintragen zu lassen, gibt es für Wittes Geschichte keine Beweise. Dennoch widmete sich z. B. das US-Magazin "Time" vom 25.08.1958 dem Thema und auch Renate Ndarurinze hat auf Seite 51 ihres Reisehandbuches "Albanien entdecken" die Schilderungen als "Königsintermezzo" wiedergegeben. So lässt auch Izquierdo selbst Wittes Kompagnon Max Hoffmann (S. 26), alias Schlepsig (S. 170) sinnieren: "Das war die Krönung dessen, was je an groben Unfug ersonnen und durchgeführt worden war...." (S. 298)
Der spannende und empfehlenswerte Roman gipfelt zudem in der Ironie, dass er auch ohne das Attribut "historisch" mit dem "Goldenen Lorbeer des Sir Walter Scott Preises 2008 für den besten deutschsprachigen Roman" ausgezeichnet wurde. Zwei aufklappbare Landkarten des Balkan und Albaniens runden das Gesamtbild ab und lassen auf eine Fortsetzung hoffen. Aus dem Vermächtnis Wittes würden sich hierfür z. B. die Episoden "Otto Witte gründet ein Partei" und/oder "Otto Witte schenkt Hindenburg seine Stimmen" anbieten.
5 Sterne für Andreas Izquierdos herausragenden Roman.