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Luigi Malerba schreibt die «Odyssee» um
Luigi Malerba bestätigt die Erwartungen seiner Leser kaum je: dem Autor, der heute seinen 70. Geburtstag feiert, gelingt es, sein Publikum von Buch zu Buch erneut zu überraschen, zu verwirren und nachdenklich zu machen. Er hat viel zuviel Erzählphantasie, um konsequent zu sein; dafür können seine Leser ganz sicher sein, dass sie sich bestens unterhalten werden, ob seine Romane und Erzählungen von nachdenklichen Hühnern oder chinesischen Kaisern, von mittelalterlichen Landsknechten oder mythomanischen Briefmarkenhändlern, von römischen Clochards oder Kardinälen handeln. Dass er jetzt mit dem Roman «König Ohneschuh» einer Neufassung der Heimkehr-Gesänge der «Odyssee» in einen Boom hineingeraten ist, der von Botho Strauss' «Ithaka»-Drama über Luciano De Crescenzos Neuübersetzung des homerischen Epos bis zu Antonio Spinozas gedankenreichem «Ulisse» reicht, ist sicher nicht mehr als ein Beispiel für die besonders intensive Zuneigung der Italiener zu dem listenreichen Abenteurer, dem schon Dante einen der schönsten Gesänge des Inferno gewidmet hat.
Malerba wäre aber nicht Malerba, wenn er nicht die Möglichkeit entdeckt hätte, den mythischen Helden in Frage zu stellen. In einem Postskriptum erzählt er, dass er den neuen Blick auf die alte Geschichte seiner Frau Anna verdanke. Sie habe ihn darauf aufmerksam gemacht, es sei ganz unmöglich, dass Penelope ihren Gemahl in seiner Verkleidung als Bettler nicht sofort erkannte. Wenn sie bis zum zweitletzten Gesang in schweigender Passivität verharre, so nicht aus mangelndem Scharfblick, sondern aus verletzter Liebe und Zorn darüber, dass Odysseus sich seinem Sohn und seiner Amme zu erkennen gab, nicht aber ihr, der Ehefrau.
Das Spiel der Täuschungen
Aus dieser neuen Perspektive hat Malerba in «Itaca per sempre» (so der italienische Titel) eine Penelope erfunden, die aus der langweiligen Rolle der hartnäckig treuen und geduldigen Gattin heraustritt. Schon rein formal steht sie gleichberechtigt neben Odysseus, weil beide in alternierenden Monologen Stellung nehmen zu den Peripetien der Handlung, die Homer für die Heimkehr des Helden vorgesehen hat. Dabei entsteht im Wechsel der Standpunkte ein Sog, der alles, was geschieht, hinter der Konfrontation der zwanzig Jahre getrennten Ehegatten verblassen lässt. Malerbas leidenschaftliche und stolze Penelope lässt sich das Misstrauen ihres Mannes nicht gefallen. Sie kann ihm die blöde Bettler-Maskerade nicht verzeihen, hinter der er sich anmasst, ihre Treue zu prüfen. Sie selbst hat in seiner Abwesenheit die Kunst der Verstellung gegenüber ihren zudringlichen Heiratsanwärtern so gut geübt, dass sie diese Waffe jetzt auch gegen Odysseus einsetzt und sich weigert, ihn wiederzuerkennen: «Nun gut, dann spiele ich bei diesen Täuschungsmanövern eben mit, und wir werden ja sehen, wer der gewitztere Spieler ist.» Sie erweist sich rasch als die Überlegene, da sie aus Notwendigkeit lügt und nicht aus Lust am Lügen wie Odysseus, der eine recht klägliche Figur macht. Ohne Penelopes Wiedererkennen bleibt er nämlich der Bettler, den er dargestellt hat ein Gefangener der eigenen Täuschung; da helfen ihm auch die Erfahrungen nichts, die er zwischen Skylla und Charybdis, Circe und Nausikaa, Zyklopen und Phäaken machte. Das Spiel der Täuschungen eskaliert zur psychischen Tortur, zum grausamen Krieg zwischen zwei Partnern, die sich immer noch lieben, und ihre Fiktionen gewinnen eine Eigendynamik, in deren Wirbel beide riskieren, sich zu verlieren. Odysseus entschliesst sich, seine Heimat zu verlassen und sein unstetes Wanderleben wiederaufzunehmen; und Penelope, die den Bogen überspannt hat, sagt nach seinem Verschwinden: «Das einzig Sichere ist jetzt meine Verzweiflung, denn ich habe ihn sei er der wahre Odysseus oder nicht «nunmehr als Odysseus anerkannt, und das ist es, was für mich zählt.» Malerba hat einen klassizistischen Stil gewählt, der feierliche und ergreifende Töne nicht scheut und die dramatische Auseinandersetzung mit massvoller Musikalität orchestriert.
Der Lügendichter
Leider wirkt das Happy-End, zu dem Malerba die beiden Protagonisten in extremis zusammenführt, als reiner Kunstgriff: er schliesst sie acht Tage in ihr Schlafzimmer ein und lässt sie die Liebeskünste üben, die Odysseus bei Kalypso gelernt hat. Ebensowenig überzeugt die allerletzte Schlusswendung, die schildert, wie Odysseus im Teamwork mit dem Dichter Phemias seine Erinnerungen an den Trojanischen Krieg und die Rückkehr nach Ithaka in Versen niederschreibt, die später als Urtext für «Ilias» und «Odyssee» dienen werden. Doch warum sollte man Malerba nicht wie Homer und allen andern Schriftstellern das Recht zubilligen, hie und da zu schlafen, vor allem wenn es um das Kunststück geht, eine kühne und einleuchtende Neuinterpretation wieder in den Rahmen des literarischen Vorbilds zurückzuführen.
Das Grundmotiv von Malerbas ganzem Werk die Diskrepanz zwischen Sein und Schein wird in diesem Roman in paradigmatischer Weise abgewandelt: in den alternierenden Monologen zeigt es sich, dass die Sprache in erster Linie dazu dient, die Wirklichkeit zu verschleiern und die Gesprächspartner zu täuschen, ihnen Fallen zu stellen oder auszuweichen. Was Malerba an Odysseus fesselt, ist nicht seine Abenteuerlust, nicht seine unersättliche Neugier auf die Welt, sondern die Tatsache, dass er ein grosser Geschichtenerzähler und Meister der Täuschungen ist, der seine Abenteuer im Grunde nur besteht, um sie später wieder zum besten zu geben. Einer, der nicht nur Dinge erzählt, die ihm geschehen sind, sondern auch Dinge geschehen lässt, damit er sie erzählen kann. In seinen Erzählungen verflechten und vermischen sich Wahrheit und Täuschung innig; am Ende findet er keinen Ausweg mehr aus dem Wortgestrüpp, das er um seine Person geschaffen hat. Ein Lügendichter, dessen Leben, wie Penelope einmal sagt, «eine grosse Werkstatt von Täuschungen, Lügen, Geheimnissen und Rätseln» ist, in der sich auch die Wahrheit, wenn es sie überhaupt gibt, hinter vielfältigen Verkleidungen verbirgt.
Alice Vollenweider
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Es ist ein wirklicher Genuß, dieses Buch zu lesen!
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