Ich ertappe mich manchmal dabei, vom schönsten Buch der letzten Jahre oder Jahrzehnte zu schwärmen. Es kann dann durchaus vorkommen, dass ich dieses Lob mehrfach vergebe. ("Der Fliegenfänger" von Willy Russell, oder die beiden Alexander-Bände von Gisbert Haefs - insbesondere der zweite Teil, "Alexander in Asien" -, oder "Die Feuer von Troia" von Marion Zimmer Bradley, um nur einige wenige zu nennen). Es gibt, so scheint es, mehrere "Schönste Bücher der letzten Jahre und Jahrzehnte".
Eines dieser Bücher ist ohne Frage "König Ohneschuh" von Luigi Malerba aus dem Jahr 1997. Es ist auf eine entfernte Weise Bradleys trojanischen Feuern nahe. Denn eine der Hauptpersonen war schon seinerzeit mit dabei, bei der Belagerung und Eroberung der kleinasiatischen Stadt des Priamos: nämlich Odysseus, der König der griechischen Insel Ithaka.
Luigi Malerba (1927-2008) war einer der Mitbegründer der "Gruppo 63", einer durch die modernistischen Auftritte von Autoren wie Ezra Pound und T.S. Eliot beeinflussten neuavantgardistischen Literaturbewegung im Italien der 50er und 60er Jahre (der Neoavanguardia, vielfach als "gefährliche Marxisten" und "verspätete Futuristen" diffamiert), 1963 gegründet, bereits 1969 wieder aufgelöst - zu der Umberto Eco zwischenzeitlich als der wohl prominenteste Vertreter gezählt werden darf. Luigi Malerba war einer der bedeutendsten Autoren der italienischen Gegenwartsliteratur oder, wie Gustav Seibt im Jahre 2001 in der ZEIT schrieb: "des nächst Eco erfolgreichsten italienischen Autors."
"Helft mir, olympische Götter, meine Ehefrau zu verstehen! Warum lacht ihr? Was gibt es da zu lachen?" So das Stoßgebet des Odysseus hoch zum blauen Himmel Ithakas. Luigi Malerba selbst tat sich beim Verstehen seiner eigenen Ehefrau schon wesentlich leichter. Er nutzte die Intuition des Einfühlungsvermögens, das unsichtbar zwischen Frauen zu existieren scheint, im vorliegenden Falle zwischen Frau Malerba und Penelope, der Frau des Odysseus: "Penelope", so Malerbas Frau, "hat sofort begriffen" um was es geht, und "vor allem diese weibliche Anregung haben mich", Luigi Malerba, "dazu bewegt, die Geschichte von Odysseus und Penelope neu zu erzählen."
Und was ist es, um das es geht?, das Frau Malerba so trefflich begriffen hat? Vordergründig geht es um den größten Geschichtenerzähler der Antike - nicht Homer, sondern um Odysseus höchstselbig -, einen Lügenmeister vor den Augen seiner Herren und Damen Götter und Göttinnen. Und um Penelope, seine ihm über Jahrzehnte treu ergebene Ehefrau und Königin, in der er seine Meisterin im gegenseitigen Ausbalancieren von Verkleidung, Maskerade, Lüge, Intrige, Verschweigen, Ausflüchte und Heuchelei, Täuschung und Schein, Arg- und Hinterlist, Hinterhalt, Machenschaft und Irreführung findet.
"Der Italiener Luigi Malerba gewinnt Penelopes und Odysseus' Liebesstreit neue Facetten ab", schrieb in den Neunzigern, als das Buch noch ganz neu war, Anke Dürr im SPIEGEL, und "Stolz und Trotz und Eifersucht". - Nach zwanzig Jahren kommt Odysseus nach Hause, von seiner später als Odyssee bezeichneten Groß- und Irrfahrt, die ihn durch Wetter, Wellen und Wogen des Mittelmeeres trieb, an die Gestade Nordafrikas und Europas, begleitet und beachtet bzw. bekämpft und beschwert von Prinzessinnen, Nymphen und Sirenen, von Göttinnen und Göttern, Zauberinnen und Zyklopen. Heim nach Ithaka, jenes kleininselige Königreich im südlich der Adria gelegenen Ionischen Meer. Als Bettler tritt er auf, in Lumpen, ohne Schuhe. Er spielt ein falsches Spiel, gibt sich nicht zu erkennen. Doch bei Penelope hat er die Rechnung ohne Wirtin gemacht. Sie erkennt ihn und durchschaut das Spiel.
"Man kann auch ohne Schuh in die Höll gehen", lässt schon Georg Büchner seinen Woyzeck sagen. Und auch für Odysseus kommt es knüppeldick. Nicht die harten Fakten sind es, die ihm zu schaffen machen werden. Die Auskehr seines Palastes, das Entfernen der lästigen Freier, bewältigt er problemlos. (Wir kennen die Geschichte.) Es sind die Softfacts, die ihm zusetzen: Penelope, die seine Charade aufgreift und ihn, den vermeintlichen Bettler, nicht als Odysseus zu erkennen vorgibt.
Es beginnt ein Wechselspiel der Gefühle - durch Luigi Malerba literarisch entsprechend aufbereitet: ein wechselseitiger Gesang in Art und Weise antiphonischer Tagebucheinträge.
Odysseus sinniert darüber, was wäre "wenn sie auch nur die geringste Ahnung gehabt hätte, dass sich unter diesen Bettlerlumpen ihr Mann verbarg. Aber ich halte das für unmöglich, auch wenn sie sich im Lauf der Jahre sehr verändert hat, denn wenn sie mich erkannt hätte, dann hätte ich es gemerkt. Penelope mag verändert sein, aber ich bin noch immer Odysseus und meine Augen trügen mich nicht." "Die Männer", so fasste es Anke Dürr im schon genannten SPIEGEL-Artikel charmant zusammen "mögen noch so tapfere Kämpfer sein in der weiten Welt: In Liebesdingen besitzen die Frauen die besseren Waffen." Das glückliche Ende steht fast in Frage. Ist es Odysseus, der den Bogen überspannt? Oder trägt vielmehr Penelope die Schuld der Last an Lust und Eifersucht?
"Kurz und gut, ich bin eifersüchtig. In diesem ganzen Durcheinander habe ich mich selbst kennen gelernt, während Penelope mir immer rätselhafter wird", schreibt Odysseus. - "... aber in der Zwischenzeit werde ich bei einem erfahrenen Schuster ein Paar Schuhe in Auftrag geben, die ich Odysseus dann im geeigneten Moment überreichen werde, wobei ich zu ihm sagen werde, so geh denn leichten Fußes und nimm dein Wanderleben durch die Länder der Erde wieder auf, oder hisse die Segel zur Fahrt über die unermesslichen Meere, und gönne dir all die Abenteuer, für die du eine so zähe Berufung bewiesen hast. (...) ... ein geborener Lügner und ein Meister der Täuschung", schreibt Penelope.
"Ich bin geschickt im Erzählen und Erfinden von Geschichten, fabuliere gerne über Menschen und Dinge, aber das kann nicht die Aufgabe eines Menschen sein, der noch immer an den Folgen jenes unglückseligen Kriegs leidet", schreibt Odysseus. - "Penelope", eine "vortreffliche Romanfigur" schreibt Malerba.
"Schleicht einer ohne Schuh von einem Frauenbett", schreibt "vor Tag" Hugo von Hofmannsthal. Dem ist nichts mehr hinzufügen. Die Lektüre dieses schöngeistigen Meisterwerkes "König Ohneschuh" möchte ich unbedingt empfehlen.