Manche Kritiker halten dieses Drama um den König Lear, der die Vergabe seines Erbes an seine drei Töchter vom Ausmaß der Liebe derselben abhängig machen will und am Ende alle verliert, für das größte Drama überhaupt. Ich kann das nicht beurteilen, aber dass Shakespeare mit diesem Werk um den am Ende dem Wahn verfallenden König ein inhaltliches und dramaturgisches Meisterwerk vorgelegt hat, erschließt sich auch dem Laien.
Bei diesem Drama geht es um die großen Themen: Welchen Dank sind wir unseren Eltern schuldig oder sind uneheliche Kinder ehelichen moralisch und gesetzlich gleichwertig?
Shakespeare gibt auf diese Fragen verblüffend moderne Antworten. So etwa im Eintreten für "Bastarde", also unehelich gezeugte Kinder, deren leidenschaftliche Wurzeln er den im Ehebett routiniert gezeugten deutlich mehr Sympathie hervorbringt. Auch die Sicht auf die Rolle von Eltern und Erziehung und deren Bedeutung für die Kinder ist radikal modern. Nicht die Töchter, die dem Alten wortreich ihre grenzenlose Liebe bezeugen, sind die "Guten", sondern die Tochter, die die Erziehung als nüchterne Aufgabe ansieht, den Vater liebt, wie's "ihre Pflicht geziemt" und daher von ihm verstoßen wird.
Der Dank für diese Aktualität gilt nicht zuletzt dem Übersetzer Baudissin, der eine zeitgenössische Übersetzung angefertigt hat und das Personal verblüffend modern sprechen lässt. Natürlich lässt sich auch in der Übersetzung nicht alles verstehen - insbesondere die Wortspiele des Narren sind wohl nur für Eingeweihte transparent, aber dennoch ist diese Übersetzung gegenüber dem englischen Original deutlich verständlicher, was man von den klassischen Übersetzungen nicht immer sagen kann.