Am 12. September 1974 wurde der äthiopische Kaiser Haile Selassie durch einen revolutionären Militärrat unter der Führung des Offiziers Mengistu Haile Mariam abgesetzt. Unzufriedenheit der Bevölkerung mit der Machtfülle des Kaisers, der zu keiner Reform des konservativ-aristokratischen Staatsaufbaues bereit war, und eine akute Verschlechterung der Nahrungsmittelversorgung hatten zu Studentenunruhen und einem Militärputsch geführt. Die mehr als 30-jährige Alleinherrschaft des 1892 geborenen Negus war zu Ende. Haile Selassie hatte sich 1930 nach einem Putsch der christlich-orthodoxen Aristokratie gegen einen islamfreundlichen Konkurrenten zum Kaiser krönen lassen. Er führte von 1930 bis 1936 sowie - unterbrochen durch die Zeit italienischer Militärbesatzung - von 1941 bis 1974 in Äthiopien ein an den französischen Sonnenkönig erinnerndes Feudalregime, in dem sich alles um ihn drehte.
Der weltbekannte polnische Schriftsteller, Journalist und Historiker Ryszard Kapuscinski hat vier Jahre nach Haile Selassies Absetzung mit seinem Werk ,König der Könige` (so die wörtliche Übersetzung des amharischen ,Negus Negesti`) die kaiserliche Zeit wieder aufleben lassen. Er hat unter schwierigen Umständen und unter Gefahr für sein Leben frühere Diener, Beamte und Lakaien stundenlang befragt. In einer literarischen Collage aus Stimmen abgetauchter Untergebener des gestürzten Kaisers gewährt Kapuscinski intime Einblicke in Strukturen, Abläufe und Eigenheiten der kaiserlichen Herrschaft. Herausgekommen ist eine so bedrückende wie instruktive Studie der Architektur autoritärer Macht. Das ist auch komisch, wenn er schildert, daß das kaiserliche Schoßhündchen bei der morgendlichen Audienz die Schuhe der strammstehenden Minister bepinkelte, und der Kaiser statt seinen Hund aus dem Saal schaffen zu lassen, lieber einen Diener damit beschäftigte, Hundepisse von Ministerschuhen zu entfernen.
Im Jahre 2002 hat der Eichborn Verlag zusammen mit dem Hessischen Rundfunk Kapuscinskis Werk im Rahmen der von Hans Magnus Enzensberger herausgegebenen Reihe ,Die Andere Bibliothek im Ohr` in ein mitreißendes Hörspiel umgesetzt. Durch die große Anzahl von mehr als 30 Sprechern, die die verschiedenste Beamten Diener, Lakaien und Offiziere verkörpern, entsteht ein mehrstimmiges und vielschichtiges Bild des Herrscheralltages, das auch die kleinsten Facetten beleuchtet. Das Hör-Portrait zeichnet den im Ausland geschätzten Haile Selassie als einen im Inland so scharfsinnigen wie willkürlichen Herrscher, der bedenkenlos Unschuldige zum Tode verurteilte und in demselben Moment Schuldige mit Privilegien und Geldgeschenken belohnte. Das ist sehr professionell gemacht, sodaß sich der Hörer eine authentische Vorstellung der Regierungsabläufe und Methoden kaiserlicher Machterhaltung machen kann. Die pointierte - gelegentlich auch über überpointierte - musikalische Schlagzeuguntermalung verstärkt die Dramatik der geschilderten Ereignisse.
Fazit: Das aus 2 CDs bestehende Hörspiel mit einer Laufzeit von knapp zweieinhalb Stunden besticht durch seine authentischen Schilderungen. Es ist mehr als bedauerlich, daß dem am 23. Januar 2007 verstorbenen Meister der literarischen Reportage die Vollendung seiner 1978 mit ,König der Könige` begonnenen und 1982 mit Schah-in-Schah fortgesetzten geplanten Trilogie der Macht nicht mehr vergönnt war. Höchst empfehlenswert.