Steinbeck hat viel riskiert, als er sein geliebtes „Zauberbuch" aus Kindheitstagen in eine moderne Sprache übersetzte. Davon zeugen neben der von ihm selbst verfassten Einleitung, die einem Bekenntnis gleichkommt, die zahlreichen Briefe, die er vor und während der Entstehung an Chase Horton und an seine literarische Agentin Elizabeth Otis geschrieben hat. Sie berichten von seiner Begeisterung, sich mit dem Stoff zu beschäftigen, von seinen Mühen, die er während seiner ausgedehnten Forschungsreisen - so muss man sie wohl nennen - auf sich genommen hat, und nicht zuletzt vermitteln sie dem Leser einen sehr persönlichen Einblick, wenn er seinen Vertrauten von Schaffenskrisen und herben Rückschlägen schreibt.
Waren die aufopferungsvollen Mühen von Erfolg gekrönt?
Obwohl ich das Original von Thomas Malory nicht kenne, ist dem fabelhaften Erzähler Steinbeck eine exzellente Transformation gelungen, die eine Auseinandersetzung mit Malory beinahe überflüssig macht. Beinahe lediglich deswegen, weil der Roman unvollendet geblieben ist. „Die ruhmvolle Geschichte von Sir Lancelot vom See" (so lautet der Titel in der Übersetzung) ist der letzte Teil, dem er sich erfolgreich gewidmet hat, und wer wie ich den Wunsch hegt, ein vollständiges Bild vom legendären König Artus und seiner Tafelrunde zu bekommen, kann sich dem Ursprungstext nicht verschließen.
Eine Schmälerung erfährt das Werk dennoch. Dies liegt aber nicht an mangelndem erzählerischen Können, das dem Autor schwerlich vorgeworfen werden kann, sondern vielmehr am Inhalt selbst oder besser: seinen Aussagen. Wenn Steinbeck schreibt: „Ich glaube, daß ich mein Rechtsempfinden, mein Gefühl für Noblesse oblige und alles, was mich für die Unterdrückten und gegen den Unterdrücker einnehmen mag, aus diesem geheimnisvollen Buch habe." (ebd., S. 12), so mag man zwar einen Eindruck davon gewinnen, warum er soviel Energie und Zeit investiert hat, kann aber ein Schmunzeln nicht unterdrücken. Mir ist es so ergangen. Vielleicht war es ein Fehler, den „Don Quijote" vorher gelesen zu haben, einem Buch, in dem sich der Held auf Ausfahrten begibt, um Abenteuer wie die ruhmreichen Ritter zu bestehen, von deren Heldentaten er in unzähligen Ritterbüchern gelesen hat (die in der Zeit, in der Cervantes sein Meisterwerk geschrieben hat, massenhaft verbreitet waren). Gehörte zu diesen auch die Geschichte von König Arthus? Es gibt zumindest Parallelen, die diese Vermutung bekräftigen. Die Ehre holder Jungfrauen zu schützen, hochzuhalten und vor allen Angriffen zu verteidigen, welcher Art sie auch sein mögen; den besiegten Widersacher aufzufordern, sich der Angebeteten des Siegers demütig zu ergeben - dies sind nur zwei Elemente, die sich in beiden Büchern mehr als einmal wiederfinden. Bei dem einen dienen sie der Erbauung des Lesers (bei Steinbeck hat es unübersehbar funktioniert), der andere gibt sie der Lächerlichkeit preis.
Ist Steinbeck selbst ein Don Quijote? Eine gewagte These. Aber wenn man sich vor Augen führt, wie verbissen er an der Vollendung gearbeitet hat und sich von nichts und niemandem aufhalten ließ, sein Vorhaben jedoch nicht zum Abschluss gebracht hat, dann denkt man unweigerlich an den tragischen Helden, der einen vergeblichen Kampf gegen Windmühlen führt, die er für Riesen hält. Der Vergleich mag ein wenig hinken, hat sich mir aber aufgedrängt; hier mag sich jeder selbst ein Urteil bilden.
Trotz allem habe ich Steinbecks Neuübersetzung - und es ist weit mehr als das - mit Begeisterung gelesen und kann es nur weiterempfehlen. Er hat seinen Traum verwirklicht, zum Teil wenigstens, und ein unterhaltsames und kurzweiliges Buch auf sehr hohem erzählerischen Niveau hinterlassen. Und letztendlich ist es das, was wirklich zählt. Interpretationen sind und bleiben subjektiv und führen manchmal dazu, den Lesegenuss empfindlich zu stören und dies hat das Buch nicht verdient.