Hierzulande ist August der Starke, deutscher Kurfürst und König von Polen, hauptsächlich in deutscher Perspektive bekannt. Umso interessanter liest sich daher Kraszewskis Darstellung von 1895. Freilich handelt es sich hier nicht um eine streng wissenschaftliche Biographie, sondern um einen biographischen Roman, also um eine wirklichkeitsnahe Darstellung, die zur leichteren Erfassung historischer Zusammenhänge fiktive Nebenhandlungen und Figuren in die Handlung einbezieht, ohne die grundsätzlichen historischen Tatsachen zu verfälschen.
Freilich handelt dieser Roman nicht um eine komplette Biographie Augusts II., sondern konzentriert sich auf die Zeit seines polnischen Königtums.
Dabei geht Kraszewski geschickt vor, indem er die Geschicke eines fiktiven Dresdener Kaufmannes, Zacharias Wittke, mit König Augusts Regierung verknüpft. Wittke, dem wegen seiner teilweise sorbischen Abstammung polnische Sprache und Kultur vertrauter sind als seinen sächsischen Zeitgenossen, eignet sich hervorragend dafür, auch historisch weniger interessierten Lesern die Hintergründe und Zusammenhänge zu vermitteln, die das nötige Verständnis erst ermöglichen. Dabei wird Wittke nicht zum leblosen Statisten der Romanhandlung degradiert, sondern er gewinnt seinerseits Konturen, sodass Leser sich mit ihm identifizieren können, oder anders formuliert: Die Romanfigur Wittke wird lebendig charakterisiert und trägt entscheidend dazu bei, dass der Roman spannend bleibt, ohne in Kitsch abzugleiten. Ähnliches gilt für einige weitere fiktive und historische Romanfiguren; vor allem der (nicht historische?) Magnat Górski und der (historische) Gegenkönig Stanislaw Leszczy'ski prägen als positive Gegenspieler Augusts II. maßgeblich die Romanhandlung. Hinzu kommen zahlreiche detaillierte Schilderungen bedeutsamer Ereignisse, z.B. die Krönung Augusts II. in Krakau als Schlüsselszene, in der der anschließende, nie beschwichtigte Zwist zwischen der Szlachta (dem polnischen niederen Adel) und dem aufgrund unsensibler Innenpolitik stets als Fremdkörper empfundenen neuen König bereits vorgezeichnet ist.
Integriert in den Roman werden durch diesen Kunstgriff nicht nur die Intrigen um den polnischen Thron und an Augusts Hof, sondern vor allem auch die Besonderheiten des polnischen Wahlkönigtums, das sich von den absoluten Herrschern des 17. Jahrhunderts maßgeblich unterschied. Entsprechend viel Raum nehmen die Schilderungen der innerpolnischen und europaweiten Machtverhältnisse ein, die Intrigen, Persönlichkeit und das Umfeld Augusts II. Verständlich werden damit auch u.a. die damalige polnische Verfassung, überhaupt historische und politische Zusammenhänge: Der Große Nordische Krieg um die Vorherrschaft im Ostseeraum, oder Politik und Charakter des schwedischen Königs Karl XII., Augusts II. wichtigstem Kriegsgegner in den Nordischen Kriegen.
Der Leser langweilt sich aufgrund dieser erzählerischen Mittel keineswegs, trotz oder vielleicht auch wegen der dargebotenen Informationsfülle.
Allerdings darf man hier keine fein ziselierte Charakterisierungen erwarten: Spätestens beim dritten "die hübsche Urszula" und beim vierten "die hinreißende Anna" wird der Epithetenbarock unfreiwillig komisch. Auch dass spätestens alle drei Seiten in allen Konjugationen "geschmunzelt" wird, lässt seinerseits den Leser süffisant schmunzeln. Ich jedenfalls bin im ganzen Leben noch nie so oft diesem Verb begegnet wie in diesem Roman.
Trotz dieser Einwände überwiegen die Argumente für den Roman, den man trotz geringfügiger Einwände durchaus zu den Klassikern der Romanbiographie zählen kann.
Zum Klassiker der vorbildlichen Edition allerdings dürfte es dieser Ausgabe vom Aufbau-Taschenbuch nicht ganz reichen: Im äußerst knappen Nachwort bleiben nicht nur die stets gegenwärtigen Anspielungen der Romanhandlung auf die Lage in Polen zur Entstehungszeit des Romans unerwähnt. Der nach dem polnischen Aufstand 1863 nach Sachsen emigrierte Kraszewski schreibt nämlich nicht nur über die Geschichte Polens, sondern verteidigt darin auch die Rechte der polnischen Nation, im späten 19. Jahrhundert unter drei Großmächten "verteilt". Dass diesen Voraussetzungen eine gewisse Idealisierung des "guten alten Polen" geschuldet ist, dürfte dem aufmerksamen Leser allerdings auch so klar sein.
Ein weiteres Manko für Leser, denen die polnische Geschichte "gerade nicht ganz präsent" ist: Es fehlen Sacherklärungen beispielsweise zu "Szlachta", "Hetman" oder "Rzeszpospolita"; lateinische Zitate werden nicht übersetzt, und die zahlreichen historischen Personen werden zwar bei ihrem ersten Vorkommen in Fußnoten gewissenhaft erläutert, aber wer findet die 200 Seiten später auf Anhieb wieder? Idealerweise erläuternde Namens-, Begriffs- und Ortsregister wären sinnvoller gewesen und hätten auch die zweifellos gründlichen zugrundeliegenden Recherchen besser gewürdigt.
Auch leidet die insgesamt gut lesbare Übersetzung von 1997 an zahlreichen sprachlichen Unsitten: Missgriffe wie "unbeschadet", "nichtsdestotrotz", "zum Ausdruck bringen" & Co. verkaufen die Leistung allemal unter Preis, die die Übersetzung eines über hundert Jahre alten Romans darstellt.