Zwischen den Medien tobt der Kampf um die Auflage. Bilder und dicke Schlagzeilen ersetzen die gründliche Recherche. In der Wirtschaft erzeugen verschlagene Spekulanten eine gewaltige Seifenblase. Der Kollaps steht kurz bevor. 'Käsebier erobert den Kurfürstendamm' könnte ein Gegenwartsroman sein, geschrieben wurde er vor 80 Jahren. Unter der Regie von Volker Kühn hat der duo phon Verlag aus Gabriele Tergits Roman ein bemerkenswertes Hörspiel geschaffen.
Berlin 1932, durch einen Zufall steigt der Volkssänger Käsebier zum Star des Berliner Nachtlebens auf. Ersten Meldungen in der Lokalpresse folgen Lobeshymnen großer Kritiker und stetig wachsende Bekanntheit. Schließlich soll der Sänger sein eigenes Theater auf dem Kurfürstendamm erhalten. Doch auf ihrem Höhepunkt ist die Karriere des Künstlers schon Vergangenheit.
In seiner eigenen Lebensgeschichte und im Hörspiel gleichermaßen ist Käsebier dabei nur eine Randfigur. In lediglich zwei Szenen kommt er überhaupt zu Wort. Im Mittelpunkt stehen hingegen die Mechanismen, die für den Aufstieg und den Fall des Künstlers verantwortlich sind, allen voran die Medien. 1931 erschien die Romanvorlage und wurde zum Kassenschlager. Die Journalistin Gabriele Tergit beschrieb aus erster Hand den Medienzirkus und seine Abgründe. Ein Stück weit erinnert 'Käsebier erobert den Kurfürstendamm' an die Geschichten des Aufklärungsreporters Günther Wallraff. Als Insiderin entlarvte Tergit die Medienkultur der späten Weimarer Republik, berichtete über das willkürliche Hochschreiben und Fallenlassen, über die wirtschaftlichen Fallstricke des Kulturbetriebs und über den Zynismus ihrer Kollegen. Die Erzählung sorgte vor 80 Jahren für einen Skandal und ist heute noch immer aktuell.
Regisseur Volker Kühn, der für seine Arbeiten 2007 sowohl den Deutschen Hörbuchpreis als auch das Bundesverdienstkreuz erhielt, ist es zu verdanken, dass Tergits Erzählung als knapp zweistündiges Hörspiel überzeugen kann. Bei der Auswahl der unbekannteren Sprecher bewies er dabei zumeist ein sicheres Gespür. In Doppel- oder Mehrfachrollen besetzt, arbeiten die Hauptsprecher sicher die Eigenschaften ihrer Charaktere heraus. So führt Schauspieler Walther Plathe mit ruhiger und ausdrucksstarker Stimme als Erzähler durch die Handlung. Zugleich gibt er überzeugend den gutmütigen aber naiven Sänger Käsebier, dessen Sätze nur träge aus den Lautsprechern kommen. Auch Phillip Sonntag füllt seine Rolle als opportunistischer Intrigant Willi Frächter hervorragend aus. Die Nebenrollen, insbesondere die weiblichen, fallen im Vergleich ab. Sie klingen uninspiriert oder gar laienhaft. Diese, für kleine Produktionen nicht untypischen, Mängel lassen sich angesichts der restlichen Umsetzung verzeihen. Mit zurückhaltendem Musikeinsatz und einer unaufdringlichen Geräuschkulisse gelingt es Kühn die Zwanziger Jahre zum Leben zu erwecken. Ob ein Café in der Leipzigerstraße oder das Redaktionsgebäude der Berliner Rundschau, die Atmosphäre der unterschiedlichen Handlungsorte wird glaubhaft eingefangen.
'Käsebier erobert den Kurfürstendamm' ist für den Hörbuchpreis 2011 nominiert. Eine große Auszeichnung für eine kleine Produktion. Und eine verdiente. Das Hörspiel ist zugleich ein zeithistorisches wie auch tagesaktuelles Kunstwerk und - ganz nebenbei - ein gut gemachtes Hörvergnügen.