Das erstaunlichste an den Romanen Indridasons: Er versteht es, Leser zu fesseln, ohne dabei eine atemberaubende Spannung in die Handlung seiner Erzählungen einzubauen. Besonders beeindruckend bei diesem Roman: Die Geschichte scheint ganz locker vor sich hin zu fließen, aber tatsächlich kann man schon nach wenigen Seiten das Buch nicht mehr ruhigen Gewissens beiseite legen.
Am Rande eines Sees wird ein Skelett gefunden, dass an eine alte russische Abhöranlage gebunden ist. Erlendur und Team untersuchen die Vermisstenfälle rund um das Jahr 1970 und stoßen dabei auf die Spur des Handlungsreisenden Leopold, der 68 fast spurlos verschwand. Die einzigen Spuren führen in die DDR - war dieser Leopold ein Spion? Und das ausgerechnet in Island??? In einem parallelen Handlungsstrang erzählt ein alter Isländer von seinen Erinnerungen an das Studium in Leipzig Mitte der 50er Jahre. Er scheint zu wissen, wen die Polizei da auf dem Boden des Sees gefunden hat...
Mit "Kältezone" erreicht der Autor eine neue Güteklasse. Für mich ist hier der vordergründige Kriminalfall eher Nebensache. Das wahre Verbrechen liegt in der Kältezone der Vergangenheit. Indridason verfolgt zudem das Prinzip eines Serienhelden mit so viel Feingefühl wie kaum ein anderer Autor. Seine Protagonisten entwickeln sich langsam und glaubwürdig. Keine großen Sprünge passieren gegenüber dem Vorgängerband, sondern immer nur kleine Schritte. Erlendur taut ein wenig auf und gewinnt menschliche Wärme, gleichzeitig bleibt er der Fremde für seine Kinder, die immer verzweifelter in ihm den Vater suchen. Elinborg geniesst den Ruhm, den sie wegen ihres Kochbuchs zu spüren bekommt und Sigurdur Olis Glück wird durch ein weiteres privates Drama getrübt.
Herrlich auch die kleinen Randgeschichten, die keineswegs Ballast, sondern Schmuck in Indridasons Romanen sind. Zum Beispiel der Anrufer, der sich selbst die Schuld am Unfalltod seiner Frau und Tochter gibt und immer wieder Trost bei Sigurdur Oli sucht. Oder wie aus dem unbekümmerten Studentenleben in Leipzig ganz leise ein grauenvolles menschliches Drama wird. Für mich der erste wahre Spitzentitel im Jahr 2006.