"Justiz" ist neben "Der Richter und sein Henker" zweifelsohne der beste Roman Friedrich Dürrenmatts. Wiederum gefällt sich der Autor darin, die Protagonisten der Handlung als Marionetten eines großen Spiels darzustellen, in dessen Zentrum einer die Fäden hält: die Macht. Ein junger, ehrgeiziger Jurist wird Zeuge, wie ein bekannter Zürcher Kantonsrat, der zu den oberen Kreisen der Gesellschaft gehört, mitten in einem gut besuchten Restaurant einen kaltblütigen Mord begeht. Das Urteil ist schnell gefällt - 20 Jahre für den Mörder. Doch damit beginnt erst die Geschichte: Der Mörder erteilt dem jungen Rechtsanwalt den seltsamen Auftrag, den Fall neu zu untersuchen unter der Prämisse, daß er nicht den Mord begangen habe. Leicht befremdet, aber angesichts des guten Honarars macht dieser sich eifrig daran, dem nachzukommen. Was ihm nun geschieht, muß man lesen: Dürrenmatt beschreibt eindringlich, wie die Macht - verkörpert durch den Kantonsrat bzw. dessen gesellschaftliche Kreise - die Realität nach und nach verändert. Die scheinbar so unzweifelhafte Mordtat wird immer unwahrscheinlicher, der Mörder immer unschuldiger. Und in der Mitte des Prozesses der junge Jurist, der sich in einem Kreisel befindet, um den sich die Welt immer schneller dreht, dem immer wieder vor Augen geführt wird, daß nicht geschehen sein kann, was er gesehen hat und der schließlich vor der Frage steht, ob es in der Justiz - seinem ureigensten Handwerk - überhaupt Gerechtigkeit geben kann. Diese Geschichte ist absolut wert, gelesen zu werden. Empfehlenswert ist zudem der dazugehörige Film, der sich sehr eng an die literarische Vorlage anlehnt mit Maximilian Schell in der Hauptrolle. Ein "Muß" für jeden Fan anspruchsvoller Krimis!!! (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)