Eines vorneweg: "Justine" ist genausoviel oder -wenig "Pornographie" wie Henry Miller's viel späteres "Opus Pistorum". In mancher Hinsicht damit vergleichbar, jedoch um vieles ehrlicher als "Müllers Werk". Während es Miller laut eigener Aussage vor allem um's Geldverdienen ging, liegen de Sade's Beweggründe tiefer: Ein Mann, der 27 Jahre seines Lebens im Gefängnis verbracht hat, verzweifelt entweder an der Gesellschaft, die ihn dorthin verbannt hat, er verändert sie (wenn er kann) oder er entflieht ihr in seine Phantasien und schreibt diese nieder, wenn er es nicht kann. De Sades Schriften jedenfalls haben überdauert. So wenig es im Leben de Sades "Gerechtigkeit" gegeben hat, so wenig von ihr ist auch in diesem Roman vorhanden. Das Gute im Menschen wird darin nicht belohnt - im Gegenteil: die verdorbenen "Bösen" besiegen und demütigen die "Guten"; und zwar ungestraft (und dazu anschaulich bis erregend geschildert). Je verkommener ein Charakter dem Leser anfangs erscheint, desto bereicherter und befriedigter geht er am Ende aus den Geschehnissen hervor. Die guten Charaktere bleiben sämtlich auf der Strecke (tot, geschändet, verstümmelt). Der Erzähler bleibt auf beinahe ironischer Distanz; das erinnert mich persönlich positiv an Burgess' "A Clockwork Orange" (Heyne TB). Wer allerdings einen feingeistigen Abscheu gegen Körpersubstanzen wie Blut oder Kot hegt, oder gegen anschauliche Schilderungen der Vorgänge, durch die man sie ans Tageslicht befördern kann, der spart sich auch nach über zweihundert Jahren besser den Kaufpreis. Fazit: Ein bitterböses und trotzdem zuweilen tröstliches Stück Literatur, von dem Weicheier lieber die Finger lassen sollten. Und, liebe Kinder: nicht zu Hause nachmachen!