Shelby Lynne, seit vielen Jahren Jahren eine feste, aber nicht immer kommerziell erfolgreiche Größe, hat von Beginn ihrer Karriere an versucht, die Grenzen des Country zu erweitern.
Erst mit dem Singer/Songwriter-Rock in der Tradition von Bonnie Raitt, hat sie auf den letzten Alben jeglichen Country-Gloss abgestreift und Ihren eigenen Ausdruck gefunden. Dass sie aber ausgerechnet bei einem Tribute-Album mit Dusty Springfield-Songs so glanzvoll gewinnt, ist ein wunderbares Mysterium.
Sich überhaupt an solch eine Künstlerin heranzutrauen verdient Respekt, und das Experiment funktioniert vor allem, weil sie nicht imitiert, sondern in den Stücken ihre eigene Stimme findet.
Gleich "Just A Little Lovin' lässt den Atem stocken. Minimalistisch und klar, ohne einen überflüssigen Ton, hört man jeden Kubikzentimeter Luft zwischen den Noten. Während Dusty Springfields Timbre eher den Soul der Stücke betonte, sind die Arrangements hier dem Jazz näher, was den Songs faszinierende neue Blickwinkel gibt.
"Anyone Who Had A Heart" ist weniger dramatisch, dafür verletzlicher und mit gewischter Snare und einer schwingenden Gitarre von großer Intimität, und auch "I Only Want To Be With You" lässt den forschen Pop zugunsten einer ernsthaften Ruhe hinter sich.
Aber das Album geht noch weiter. Besonders spannend wird es dort, wo sich die Welten mischen. So hat "Willie And Lauramae Jones" einen erdigen und handfesten Ton, ohne das Original zu verleugnen, und auch "Breakfast In Bed" gewinnt durch die feine Prise Country.
Da die Originale ihrer Zeit entsprechend häufig mit Streichern und Chören aufgeplustert waren, ist es eine Wohltat, hier die Essenz zu hören.
Vor allem die letzten beiden Stücke zeigen, wie wenig es für einen großartigen Song braucht. "How Can I Be Sure" gewinnt alleine aus einer Melodie und einer gezupften Gitarre anrührende Intensität. Dass sich das von Lynne geschrieben "Pretend" nahtlos einreiht, zeigt, dass sie mit ihrer eigenen Kunst mühelos neben dem großen Original bestehen kann.
Das größte Kompliment muss man dem Song machen, der nicht auf dem Album ist. Das unerreichte "Son Of A Preacherman" ist so unlöslich mit Dusty verbunden, dass sich Lynne dem Vergleich nicht ausgesetzt hat.
Spätestens dieses Album macht eine Künstlerin hörbar, die bei sich angekommen ist. So viel Aufrichtigkeit gibt es selten.