Selten habe ich ein berührenderes Buch gelesen als dieses. Patti Smith, die Rock-Poetin, erzählt mit beeindruckender Aufrichtigkeit und grosser Nähe von ihrem Leben und ihrer Beziehung zu Robert Mapplethorpe (der später ein ziemlich berühmter Fotograf werden sollte). Die beiden jungen Leute lernten sich früh kennen, und hatten zu dieser Zeit nichts, ausser dem beidseitigem Wunsch, Künstler zu werden.
Patti Smith schreibt: "Ich ersehnte den Einlass in die Bruderschaft der Künstler: den Hunger, ihren Kleidungsstil, ihre Arbeitsweise und Gebete."
Und über ihn sagt sie: "Er war ein veschmitztes Kerlchen, dessen sorglose Jugend zart angehaucht war von der Begeisterung für alles Schöne."
Und diese beiden führte das Schicksal also zusammen. Da hatten sie zwar immer noch nichts, aber sie hatten sich.
Daraus wurde eine 22 Jahre andauernde Künstler-Freundschaft, bis zum Tode von Mapplethorpe im Jahre 1989. Es geht um Liebe, um zwei freiheitsliebende Künstlerseelen, Drogen, es geht um den Willen niemals aufzugeben, es geht auch um die Aufbruchsstimmung der 70er und 80er Jahre, es geht um berührende Momente und tiefe Einsichten - all dies findet man in diesem wunderbar geschriebenen Buch.
Das Buch beeindruckt durch Aufrichtigkeit, Präzision in den Beobachtungen und die grosse Gabe von Patti Smith, die verschiedensten Aspekte des Lebens auf erstaunliche Weise zusammenzubringen. So schreibt sie: "Bei Robert wurde genau zu dem Zeitpunkt Aids diagnostiziert, als ich erfuhr, dass ich mit meinem zweiten Kind schwanger war. Es war Ende September 1986, und die Äste der Birnbäume bogen sich vor Früchten." Alles ist da beisammen. Leben und Tod, Glück und Trauer, Banales und grosse Tragödie. In zwei schlichten, einfachen Sätzen. Ich kenne nicht viele Bücher, die so voller Leben sind - so schonungslos und so feinsinnig zugleich. Das Buch mag zur Mitte hin zwar ein wenig durchhängen und an Intensität verlieren, aber als Ganzes finde ich es eine schöne Bereicherung.
Patti Smith hatte Robert Mapplethorpe vor seinem Tod versprochen, dass sie ihre gemeinsame Geschichte aufschreiben werde - und sie hat Wort gehalten. Das Ergebnis ist einerseits ein wundervolles Zeugnis von Liebe und Freundschaft, aber gleichzeitig zeigt es auch den nie versiegenden Wunsch von uns Menschen, unseren eigenen Ausdruck und unsere Freiheit zu finden - und natürlich handelt es auch von den Schwierigkeiten, die sich dadurch immer ergeben. Mit dem Leben wie auch zwischen den Menschen.
Also wirklich ein wundervolles Buch.
Peter Steiner, Autor von "Das Wesentliche so nah", "Weisheit für Minimalisten" u.a.