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Unspektakulär. So würde Linus Torvalds, der Erfinder von Linux, wohl mit einem Wort sein Leben beschreiben. Das ist erstaunlich, denn schließlich steht er mehr oder weniger im Zentrum einer Entwicklung -- Linux und OpenSource --, die ein ernsthaftes Konkurrenzprodukt zu Microsofts Windows anbietet. Microsoft, dass ist immerhin eines der größten Unternehmen dieser Erde. Unspektakulär? Wer ist der Mann, der trotz derartiger Leistungen so etwas von sich behaupten kann? Bisher bestand die Antwort auf diese Frage zum Teil aus Spekulation -- Torvalds meidet das Rampenlicht -- und aus unzusammenhängenden Artikeln und Aussagen über und von Torvalds selbst.
Mit Just for Fun begibt sich der einst scheue Programmierer an die Öffentlichkeit und erzählt zusammen mit David Diamond sein bisheriges Leben -- ein Leben, das eng verzahnt ist mit Computern im Allgemeinen und Linux im Besonderen. Wer nun aber eine autobiografische Hymne oder gar ein missionarisches Werk erwartet, wird (glücklicherweise) enttäuscht. Das unspektakuläre an Linus Torvalds ist nämlich nicht, was er tut, sondern wie er damit umgeht. Weder Starkult, noch die Option, mit Linux Geld zu verdienen konnten ihn reizen -- die Arbeit mit Linux macht ihm Spaß. Das reicht. Damit ist der Titel von Just for Fun Programm und Botschaft in einem und steht damit im krassen Gegensatz zur heutigen Verwertungsgesellschaft, in der Erfolg mit ökonomischem Gewinn identisch ist.
Mit Just for Fun vermittelt Torvalds neben Details und Anekdoten aus seinem Leben vor allem (s)ein Lebensgefühl. Exemplarisch zeigt er, was sich aus der Begeisterung für eine Sache entwickeln kann. Ruhm, Ehre, Geld und Erfolg tragen dabei wenig zur eigenen Befriedigung bei. Das ist ungewohnt, irgendwie gut und macht einfach nur Spaß. Wie Linux. Ein revolutionäres Buch von einem Finnen ohne Revolutionsanspruch. Lesenswert und spektakulär. --Wolfgang Tress -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Die Bücher über Linux stapeln sich
Linux hat sich auf zahlreichen Hardware-Plattformen bewährt und in einigen Segmenten signifikante Marktanteile errungen. Entsprechend wächst das Interesse an der Entstehungsgeschichte dieses Betriebssystems. Man möchte verstehen, wie es möglich ist, dass Freiwillige, über die ganz Welt verstreut, ein derart komplexes Entwicklungsprojekt bewältigen und Jungfirmen mit Gratissoftware Geld verdienen können.
Ein Gespenst geht um in Computerland. Es trägt den Namen GNU Public Licence und ist, wenn man hochrangigen Vertretern von Microsoft glaubt, krebserregend. Die besagte Lizenz spielt eine wichtige Rolle bei der Entwicklung jener Programme, die im Quellentext publiziert und gratis verfügbar fast als einzige noch in der Lage sind, die Microsoft-Produkte ernsthaft zu konkurrenzieren. Die GNU Public Licence (GPL) soll garantieren, dass Software für beliebige Zwecke genutzt werden kann, ihre innere Funktionsweise einsehbar ist, es möglich ist, sie zu verändern und in der ursprünglichen oder in einer überarbeiteten Version weiterzuverschenken. In der Interpretation von Microsoft vernichtet die GPL geistiges Eigentum. Mit Broschüren wie «How to Avoid Infection» nimmt die Debatte um GPL mittlerweile absurde Züge an.
Zurück zu den Anfängen
Das beste Beispiel für den Erfolg von GPL-Produkten ist das Betriebssystem Linux, das sich mittlerweile auf zahlreichen Hardware-Plattformen, auf Kleinstrechnern wie auch auf IBM-Mainframes bewährt und in einigen Segmenten signifikante Marktanteile errungen hat. Entsprechend wächst das Interesse an der Entstehungsgeschichte von Linux und an den Prinzipien der Software-Entwicklung unter der geheimnisvollen GPL und ihren Derivaten. Man möchte verstehen, wie es möglich ist, dass eine Handvoll Freiwilliger, über die ganz Welt verstreut, ein so komplexes Entwicklungsprojekt bewältigen kann, und wie Jungunternehmen mit Gratissoftware Geld verdienen können.
Wer Linux verstehen und nicht nur benutzen will, ist zu einem überraschenden Mass auf Texte und Erzählungen angewiesen, die im Internet und auf Konferenzen flottieren. Immer wieder ist die Rede von Ereignissen, die Insider mit seltsamen Chiffren evozieren. Da gibt es eine «Tanenbaum-Torvalds-Debatte», eine «Gottes-Deklaration», da ist die Rede von «Halloween-Papieren» und von einem «Basar» der Programmierer. Wer solche Referenzen ausserhalb der Insider-Zirkel verstehen möchte, hat einen schweren Stand. So gibt es zwar einen guten Reader zum Thema, den der Verlag O'Reilly 1999 unter dem Titel «Open Sources. Voices from the Open Source Revolution» herausbrachte, doch wurde aus dem Konvolut in der deutschen Übersetzung nur ein schmales Heftchen, das mehr Fragen offen lässt, als beantwortet. Was sich der Verlag, der zur Senkung der Produktionskosten seine Titel mit lizenzfreien Illustrationen aus dem 16. Jahrhundert gestaltet, wohl dabei gedacht hat?
Kirchenbauer
Ein wichtiger Angelpunkt im Selbstverständnis der Open-Source-Bewegung ist der Begriff des Basars. Seine Benutzung geht auf einen Text von Eric Raymond zurück, der sich gerne als die «Margaret Mead» der Open Source bezeichnet. Anders als die berühmte Anthropologin greift Raymond jedoch in die Geschichte seiner Protagonisten ein und versteht sich bisweilen auch als Propagandist einer «Bewegung». 1997 weilte Raymond in Deutschland und verfasste, beeindruckt von der barocken Pracht süddeutscher Kirchen, den Essay «Die Kathedrale und der Basar». In ihm beschreibt er die klassische Methode der Software-Entwicklung, wie sie bei Microsoft, aber etwa auch bei einzelnen GNU-Projekten gepflegt wird, mit dem Bild des Kirchenbaus: Jeder weiss, was er zu tun hat, der Masterplan ist wichtiger als der einzelne Programmierer. Dem gegenüberstehend entfaltet sich der Basar der Open-Source-Software-Entwicklung als ein einziges Gewusel, in dem alle bei den Projekten mitarbeiten, die sie selbst als Anwender gerne benutzen würden, wo aber dennoch am Ende gute Produkte entstehen, weil alles Wissen offen weitergegeben wird: Freude an der Arbeit und Handwerksethos sorgen für diese glückliche Fügung.
Am Bild von der Kirche und dem Basar berauschten sich die Open-Source-Programmierer nicht zuletzt, weil die Metapher eine wunderbare Projektionsfläche für die Vorbehalte gegen den Erzfeind Microsoft lieferte. Nun erscheint die Erzählung des Mannes auf dem Buchmarkt, ohne den das Linux-Projekt nicht in Gang gekommen wäre: In «Just for Fun. Wie ein Computerfreak die Welt veränderte» 1 schildert Linus Torvalds seine finnische Jugend, seine Anfänge als Programmierer, die Anfänge von Linux und seine Übersiedlung nach Amerika. Torvalds erzählt die Geschichte dem Journalisten David Diamond, der die Autobiographie durch Passagen «auflockert», die nicht recht zur Erzählung von Torvalds passen wollen. Denn allen Bekundungen der beiden Erzähler zum Trotz ist Linux nicht «Just for Fun» entstanden.
Flucht in die Informatik
Linus Torvalds wächst in der schwedisch sprechenden Enklave als einziger Sohn einer finnischen Journalistenehe heran, die bald zerbricht. Die Mutter arbeitet für eine Nachrichtenagentur, der Vater ist freier Journalist im Umfeld der kommunistischen Partei Finnlands; beide Eltern haben kaum Zeit für ihre Kinder. Die Schilderung aus dem nicht eben begüterten Familienleben der Torvalds zeigt einen begabten, aber kontaktarmen und verunsicherten Knaben, der sich in die heile Welt der Rechner absetzt und dort «Gott» spielt, eigene Welten erschafft. Während sich seine jüngere Schwester inmitten einer atheistischen Familie in den Katholizismus flüchtet, entdeckt Linus Torvalds zuerst einen Commodore VIC-20, dann einen Sinclair QL.
Nach seinem Schulabschluss und dem Armeedienst entscheidet sich Torvalds für ein Informatikstudium und kauft auf Pump einen 386er-Computer von Intel. Auch diesen will er in allen Details erkunden. Er installiert ein experimentelles Betriebssystem namens Minix, geschrieben von dem in Holland lebenden Informatiker David Tanenbaum. Um Minix herum entwickelt Torvalds erst einen Terminal-Emulator für den Zugriff auf den Grossrechner der Universität, später einen Festplattentreiber, dann ein Dateisystem.
Als Torvalds davon in einem Internet-Forum berichtet, stösst er auf eine hämische Reaktion. Sie kommt von Tanenbaum, dem Schöpfer von Minix, der sich über die Programmiertechnik von Torvalds lustig macht und dem System mangelnde Portabilität vorwirft. Das eng an die Intel-Architektur angelegte Freakx so wollte Linus Torvald sein Linux ursprünglich nennen sei unmodern, da es sich nicht auf andere Rechner übertragen lasse. Dafür sei es kostenlos und könne von jedermann weiterentwickelt werden, war die Replik von Torvalds. Ohne die polarisierende Debatte, ohne den Ehrgeiz, es dem etablierten Akademiker zu zeigen, wäre Linux vermutlich nicht entstanden. Dabei kam die GPL eher zufällig zum Zuge: Torvalds ärgerte der Preis für Minix so sehr, dass er sein Linux kostenlos verteilen wollte.
Arbeitsfreude
Wer die weitere Entwicklung von Linux verfolgen möchte, wird von der Autobiographie Torvalds enttäuscht sein. Sie beschränkt sich auf die oberflächliche Beschreibung, wie der Finne das immer umfangreichere Projekt leitete oder besser nicht leitete: In Konflikten versuchte Torvalds, keine Partei zu ergreifen. Wer sich gestritten hat und worüber, erfährt man dagegen in Moodys Buch über die «Software-Rebellen». 2 In ihm lernt man viel über Linux-Entwickler wie Alan Cox und Ted Tso, zu denen sich Torvalds selbst mit keiner Silbe äussert. So ist Moodys für die an Details Interessierten eine gute Ergänzung zur Darstellung des Linux-Gründers, auch wenn die Übersetzung sprachliche Mängel aufweist.
In der Darstellung von Moody spielt Spass im Sinne von «Fun» eine untergeordnete Rolle. Viel häufiger ist von Freude, gar von Arbeitsfreude zu lesen, die bisweilen ins Metaphysische umschlägt. Der Stolz der Programmierer liest sich in der vertrackten Sprache der «Software-Rebellen» so: «Es geht um den Code, der dem Besten in uns zugrunde liegt, dem, was sich gegen das Schlechteste wehrt, dem, was es geben wird, solange die Menschheit existiert.» Bei Torvalds dagegen ist «Fun» «Der Sinn des Lebens» und das Endziel der Geschichte: Auf der entwickeltsten Stufe kippt unsere Informationsgesellschaft in die Unterhaltungsgesellschaft, in der selbst der Krieg virtuell am Bildschirm als Fun erlebt wird. Der Basar ist eine grosse Party und der Pinguin, das von Torvalds entworfene Linux-Maskottchen, soll so aussehen, «als hätte sich Daisy Duck auf einer Atlantik-Kreuzfahrt vergessen und einen wilden One-Night-Stand mit einem einheimischen Federvieh gehabt».
Pflichterfüllung
Eine völlig andere Beschreibung des Linux-Phänomens gibt der Finne Pekka Himanen in seiner «Hacker Ethic» 3 einem dünnen Bändchen von 150 Seiten. Himanen, ein Soziologieprofessor, der in Berkeley und Helsinki lehrt, analysiert die Linux-Bewegung mit dem Rüstzeug des Soziologen Max Weber und seiner protestantischen Ethik. Nicht Fun, sondern Pflichterfüllung für die Gemeinschaft der Programmierer treiben bei Himanen die Motoren des Linux-Projektes an. Bei Himanen wursteln die Hacker nicht in einem Basar herum. Sie sind vielmehr Mönche in einer neuen Kirche, die weltweit verstreut über das Datennetz eine neue Ethik der Selbstlosigkeit propagieren. Als Avantgarde setzen sie nach Himanen die Standards für Arbeitsmoral, gemeinschaftliche Organisation und Kommunikation, nach denen bald die gesamte vernetzte Gesellschaft funktionieren wird.
Mitunter lassen Himanens Ausführungen ein allzu rosiges Licht erstrahlen, wenn er etwa Liedchen der Hacker für die Liturgie eines neuen Zeitalters hält. Auch übersieht er die Gefahr, dass die mönchische Kultur der Open Source wirklich ins Religiöse umschlägt. Indizien dafür gibt es, wenn man sich Passagen in dem «Red Hat Coup» 4 anschaut, einem Buch, das eigentlich den Nutzwert von Linux für Unternehmen preisen soll. In ihm erscheint Linus Torvalds nicht nur als wahre Lichtgestalt, sondern es wird auch sein berühmter Auftritt auf der Linux Expo 1998 rapportiert ohne jeden Hinweis auf die Ironie, die mitschwang, als sich Torvalds mit den Worten «Ich bin Linus und ich bin euer Gott» dem Publikum vorstellte und es auch noch segnete. Linus Torvalds, der früher auf seinen Rechnern mit dem Namen Linus God Torvalds einloggte, hat übrigens ein passendes Pendant: Richard Stallmann, der mit seiner Free Software Foundation einen radikaleren Ansatz als das Linux-Projekt predigt, posiert am Schluss seiner Vorträge gerne als Mann Moses, der die Gesetzestafeln vom Berge Sinai in Laptop-Form unter die Menschen bringt: «Du sollst brüderlich deinen Code teilen und Spass dran haben. Mach es einfach.»
Detlef Borchers
1 Linus Torvalds, David Diamond: Just for fun. Wie ein Freak die Computerwelt revolutionierte. München, Hanser 2001.
2 Glyn Moody: Die Software-Rebellen. Die Erfolgsstory von Linus Torvalds und Linux. Landsberg, Verlag moderne Industrie 2001.
3 Pekka Himanen: The Hacker Ethic and the Spirit of the Information Age. New York, Random House 2001.
4 Robert Young, Wendy Goldman Rohm: Der Red Hat Coup. Wie die Open-Source-Bewegung und Red Hat die Softwareindustrie revolutionieren und Microsoft überrumpeln. Bonn, MITP-Verlag 2001. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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Linus lässt auch zahlreiche Einblicke in sein Privatleben zu und - mal ehrlich: Wen interessiert nicht, wer diese geniale OS initialisiert hat? :-)
Ich habe dieses Buch während eines verregneten Kurzurlaubs im Sauerland gelesen und empfehle es jedem, der mit der Materie auch nur annähernd zu tun hat! Gerade jetzt, wo die Abende wieder länger werden, ist es eine äußerst anregende und informative Lektüre, auf die ich mich auch jetzt wieder freue!
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