Gibt es Liebe auf den ersten Blick? Wenige Minuten, nachdem ich begonnen hatte, "Juno" anzuschauen, wusste ich, dass es das gibt. Zumindest zu einem Film. Inzwischen bin ich mir sicher, dass diese Liebe sogar noch gewachsen ist.
Die 16-jährige Juno wird gespielt von Ellen Page, die beim Dreh bereits 20 war - dennoch würde man sie im Zweifel eher jünger als 16 schätzen. Juno ist einfach umwerfend - sie liebt schräge Musik und Horrorfilme, ihr Zimmer schaut aus wie ein fröhlich-buntes Panoptikum und sie telefoniert mit einem Burger-Phone. Juno lebt im sonnigen Nova Scotia, besucht eine nette Schule, hat eine nette Familie und den netten Freund Paulie Bleeker, mit dem sie zunächst nur Musik macht.
Doch eines schönen Tages beschließt sie, statt sich, wie geplant, mit "Bleek" den Horrorstreifen "Blair Witch Project" reinzuziehen, lieber mit ihm in den Sessel zu gehen. Nicht ganz ohne Erfolg - Juno what I mean?
Juno mag zwar erst 16 sein, aber sie geht die Situation mit Gelassenheit und Reife an, allerdings begleitet von den für sie typischen schnoddrigen Bemerkungen. Erst denkt sie über Abtreibung nach, aber die Atmosphäre im Beratungsbüro nervt sie. Dann sucht und findet sie Adoptiveltern für das Baby, die ihren Ansprüchen genügen. Alles scheint bestens geregelt, doch als Juno bereits im 8. Monat ist, offenbart ihr der Adoptivvater etwas, was alles verändert...
Die Freundlichkeit der Menschen in Neu-Schottland durchstrahlt diesen Film wie warmes Sonnenlicht. In einer solchen Umgebung lassen sich auch Lebenskrisen liebevoll und menschlich lösen. Was Jason Reitman hier 2008 aufs Zelluloid gebannt hat, ist wirklich außergewöhnlich. Mit scheinbar leichter Hand führt uns die Erzählung fröhlich und humorvoll durch dramatische Wendungen und verblüfft zudem durch einen überraschenden Schluss. Diese Luftigkeit, aber vor allem auch wieder eine einseitige Vermarktung führen dazu, dass mancher "Juno" als Komödie missversteht. Es handelt sich aber um ein durchaus ernsthaftes Drama, bei dem lediglich die Heranwachsenden - und nicht nur die - so sprechen, wie ihnen zumute ist. Die spritzig-provokanten Dialoge wirken fast durchgängig trotz der oft pikanten Sprache absolut stimmig, selbst wenn sie nicht immer originell sind. In den liebevoll bis in kleinste Details gestalteten Bildern kann man regelrecht schwelgen. Das eigentliche Wunder dieses Films liegt aber im Verdienst von Ellen Page, die Juno in geradezu bezaubernder Art und Weise zum virtuellen Leben erweckt.
Ein Highlight besonderer Art bildet übrigens das göttlich verstimmte, falsch gespielte und schräg gesungene Duett.
Wer noch ein offenes Herz für wirkliche Geschichten und echte Gefühle hat, wird sich in diesen Film mit Sicherheit genauso verlieben wie ich. Es muss ja nicht auf den ersten Blick sein...
jury 5* A0299 21.11.2010e 6 A F
Lächerliche 7,5 Millionen Dollar hat dieser bezaubernde Film gekostet - und spielte über 100 Millionen Dollar ein. Diablo Cody erhielt für ihr Drehbuch 2008 den Oskar.