Jungen als überfordertes Geschlecht zu bezeichnen oder das deutsche Schulsystem als jungenfeindlich zu kritisieren, klingt zunächst nach verallgemeinerndem Krisengerede, das im schlimmsten Fall zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden kann. Auf einen Jammer-Modus lässt sich Reinhard Winter in seinem Elternratgeber erst gar nicht ein. Sein Buch, das in einen erklärenden Einführungsteil und konkrete Tipps zur Umsetzung des Gelernten gegliedert ist, richtet sich an alle, die in der Familie oder beruflich Jungen erziehen. Thema des Buches ist das Zusammenleben mit Jungen im Alter von bis zu 12 Jahren, also vor Eintritt der Pubertät.
Da ich zuvor schon andere Bücher über Jungen gelesen hatte, erwartete ich nur wenig neue Informationen. Winters Buch hat mich nun sehr viel länger und intensiver beschäftigt als erwartet. Im Informationsteil musste ich mich mit meinem eigenen Bild von Männlichkeit auseinandersetzen, wie dieses Bild unbewusst mein Verhalten gegenüber Jungen bestimmt und wie z. B. die Medien als Miterzieher unser Bild von Männlichkeit beeinflussen. Als wichtige Anregung habe ich aufgenommen, männlich nicht als Gegensatz zu weiblich zu definieren. Stattdessen sollte in positiv bewerteten männlichen Qualitäten wie Leistung der Gegensatz gesucht und bei Jungen besonders gefördert werden. In Winters Gegensatzpaar wäre die zu entwickelnde Kompetenz, die Leistung gegenübersteht, die Entspannung. (S. 133)
Die Auseinandersetzung mit eigenen Einstellungen ist anstrengend und sie ist unbequem. Auch die zehn konkreten Tipps im zweiten Teil des Buches nehmen das eigene Verhalten kritisch aufs Korn. Sie fordern z. B. gegenseitigen Respekt, Kindern genügend Anerkennung zu geben und erklären, warum im Umgang mit Jungen zügiges Tun wichtiger ist als umständliches Planen oder um eine Sache herumzureden. Deutlichen Raum nehmen Grenzen, Grenzüberschreitungen, die Kontrollierung des Medienkonsums von Jugendlichen unter 16 Jahren und das Durchsetzen von Eltern-Wünschen gegenüber jugendlicher Unlust ein.
Das Buch richtet sich sprachlich und inhaltlich an interessierte Eltern und ist m. A. für Laien verständlich geschrieben. Wie weiter oben schon erwähnt: eine (humorvolle) Infragestellung eigener Ansichten und Gewohnheiten kann anstrengend für die Leser sein.