Produkt: DVD (1) / Qualität TOP
Deutscher Titel: Der Junge und der Wolf. Originaltitel: Loup
Produktionsland: Frankreich. Premiere: 2009
Mit: Nicolas Brioudef, Pom Klementieff, Min Man Ma, Vantha Talisman, Bernard Wong, Gurgon Kyap, Kaveil Kem u. A.
Regie: Nicolas Vanier. Kamera: Thierry Machado, Gerard Simon
Bild: gut / Farbe / Breitbildformat. Sprache: nur deutsche Synchronisation. Untertitel: nur deutsch. Filmlänge: 101 Minuten
Genre: Ethnofilm > Tierfilm > Jugendfilm
Specials:
a) Making of (51 Minuten in französischer Sprache mit deutschen UT)
b) Doku über Tiere Sibiriens von Nicolas Vanier (15 Minuten)
c) Pannen (5 Minuten)
Sibirien. Äußerster Nordosten. Entlegenes Werchojansker Gebirge. Heimat der Rentiernomaden aus dem Volk der Ewenen. Der Stamm ist aufgeteilt in Clans von vier bis sechs Familien. Der junge Sergej wurde ausgewählt, um auf einem einsamen Hochplateau die Rentiere zu hüten. Er ist völlig alleine und hat ein Gewehr, um damit die Herde vor den Angriffen der Wölfe zu schützen. Als er zufällig einen Bau mit Wolfswelpen entdeckt und deren Mutter erblickt, zögert er entgegen der Tradition seines Volkes, mit der Erlegung der Tiere. Stattdessen freundet er sich mit den Wölfen an. Sie wachsen heran und werden zu Rentierjägern. Der Konflikt zwischen Tradition und Tierfreundschaft ist vorprogrammiert.
Ein unentschlossener und gesamtgesehen unbefriediegender Spielfilm, obwohl das Thema interessant ist - die Bemühung um das Aufzeigen des Gesamtzusammenhangs von Mensch, Tier, Natur. In der Tat ist die gesamte Natur der Raum, in dem man sich realisiert. Jedoch sind die unwirtlichen Naturgesetze derart bedrohlich, dass kleine Fehler lebensgefährlich sind. Die Überlebensregeln müssen vorbehaltlos eingehalten werden, damit es aufgrund von sich einschleichenden Lockerungen nicht zu einer Katastrophe käme. Freundschaftliche Kompromisse mit gefährlichen Elementen der Natur sind mit den bewährten Überlebensregeln unvereinbar. Es stellt sich dabei die Frage, inwiefern ein positiver Zugang zu den als bedrohlich angesehenen Elementen dennoch möglich ist, und ob es ein harmonisches Miteinander trotzdem geben kann.
Der Regisseur schält nun einen allzu künstlichen Konflikt heraus, den er gar nicht beantworten kann. Nämlich: wenn die Wölfe programmierte Rentierkiller sind und darum gnadenlos gekillt werden müssen, dann ist die Frage nach einer Koexistenz zwischen Mensch und Wolf inexistent. Da der Regisseur jedoch in die Geschichte eine Freundschaft zwischen Wolf und Mensch hineinstellt, so ist es logisch, dass er scheitern muß - da die Unvereinbarkeit bleibt: der Wolf bleibt weiterhin Jäger der Rentiere und infolgedessen der Mensch der Jäger des Wolfs. Darin ist das unbewältigbare Dilemma beinhaltet, welches der Film nicht beantworten kann, jedoch in einer konstruierten Dramaturgie vermeintlich beantwortet. Die faule Lösung, dass das Wolfsrudel weit entfernt in irgend einem Landabschnitt verweilt, nur weil der Junge es ihnen ins Ohr geschrien hat, erscheint dämlich. Dämlich auch die Pointe, dass sich der Junge frenetisch freut, dass die abgeschossenen Wölfe nicht zu seinen Wolfsfreunden gehören - als ob der Tod der unbekannten Wölfe weniger bedauerlich wäre. Das sind letztlich totale Naivitäten, welche die tatsächliche wichtige Thematik verwässern und relativieren. Der Film menschelt auf eine realitätsverfremdende Weise und hinterlässt beim Zuschauer einen unglaubwürdigen Nachgeschmack.
Die Freundschaft zwischen dem Jungen und den Wölfen wird nicht verinnerlicht. Die mystische Verbrüderung zwischen dem Jungen und den Raubtieren erfährt keinen Inhalt - es ist eine Aneinanderreihung von gegenseitiger Beobachtung und gemeinsamen Spielen, ohne den Prozess der Verwesentlichung in einen letzten Sinn.
Es war dem Regisseur unerreichbar, eine tatsächliche befriedigende Lösung zu vermitteln in einer möglichen Symbiose des Zusammenlebens zwischen Mensch und Raubtier. Die Ewenen müssen ihre Rentierherde schützen, also müssen sie die sich anschleichenden Raubtiere töten. Die Wölfe aber bleiben Wölfe und lassen sich nicht domestizieren zu etwas, was sie niemals sein können. Wofür also die Konstruktion der Filmhandlung? Der einzige Grund mag in der Tatsache liegen, dass der Regisseur ein gutes Auge hat für die dokumentarische Darstellung von Naturvölkern, Wildtieren und Landschaften. Um diese Drei gleichzeitig darzustellen, bedarf es eines Spielfilms. Der Spielfilm jedoch bedarf eines kompatiblen Drehbuchs. Darum wurde das in sich unvereinbare Thema künstlich konstruiert. Das Projekt ist kläglich gescheitert.
Das Dilemma besteht in der Tatsache, dass ein Naturvolk im Einklang mit der Natur dennoch innerhalb dieses relativen Einklangs konsequent Wölfe abknallt, ohne die metaphysische Hinterfragung nach dem Warum. Es ist letztlich nicht klar, ob sich der Regisseur dieses Dilemmas überhaupt bewußt war. Denn er wählte das Thema und die Lokalität aus, ließ jedoch seine Geschichte vom Anfang bis zum Ende gemäß einem naturalistischen Drehbuch einfach laufen, wie es laufen konnte. So verbleibt der Film letztlich in einem unentschlossenen Mittelmaß der Handlung ohne wirkliche Spannung, ohne Biss und Ergriffenheit und schwächelt dahin, so wie wenn ein Nomadenzug gelassen dahinzieht. Für eine Dokumentation wäre das wunderbar - für einen Spielfilm ist es fatal. Die wunderbaren Landschaftsaufnahmen samt den dokumentarischen Darstellungen der Nomadenzüge der Ewenen mit und auf ihren Rentieren, vermögen sich dabei nur als Dokumentareindrücke zu beweisen, nicht als Qualitätsmerkmale eines Spielfilms. Der Regisseur hätte mittels solcher Szenen einen Dokumentarfilm über Natur, Ewenen und Tiere machen sollen, aber keinen Abenteuerfilm.
Weiters armt der Film an viel zu seichten Behandlungen der Ewenen selbst. Die Menschen bewegen sich beeindruckend als reitende, schlittenfahrende, zeltlagernde Nomaden. Wenn sie aber reden, so haben sie nicht viel zu sagen. Die Sätze hören sich an wie kitschige Dialoge einer Telenovella des modernen Lebens . Die Worte des Schamanen, welche die eigentliche, tiefste Wahrheit auf eine mystische und transparente Weise erhellen sollten, bleiben verschwommen und indifferent. Die Liebesgeschichte zwischen Junge und Mädchen hat keinen Bezug zum Grundthema. Die Beobachtung der Wölfe aus der dramaturgischen Sicht des Jungen ist langweilig und spannungslos. Der Film ist langweilig, weil er Spielfilm ist, statt Dokumentarfilm. Als Dokumentation wäre er eine filmische Sensation. Doch als Spielfilm ist es ein Werk ohne Richtung und Ziel. Bedauerlich, dass eine so spannende Thematik so unbefriedigend und langweilig bearbeitet wurde.