Aus der Amazon.de-Redaktion
Hinsichtlich seiner Geburt hat Less nun wahrlich kein Glück gehabt. Im Harz südwestlich von Berlin, zwischen Bergen, "die wie Wände drei der vier Himmelsrichtungen verstellen, in einem Kessel, in den zwei Gleise führten aus der offenen Ebene, um an einem Prellbock aus verwittertem Holz zu enden, in einer Sackgasse also und von rotem Staub überpudert", hat er das Licht der Welt erblickt. Von großmütterlicher Seite mit Orientierungslosigkeit gesegnet versucht Less in den letzten Zügen der DDR, aus diesem Tal der Hoffnungslosen auszubrechen -- und stolpert in Ostberlin von einem Abenteuer in das nächste, wobei ihm auf seinem Entwicklungsweg nicht zuletzt sympathische Anarchisten, alternative Dichter, einsame Punks und (natürlich!) die Frauen zur Seite stehen.
Bisher hat der Berliner Autor André Kubiczek vor allem mit Gedichten in der Kunst- und Literaturzeitschrift Herzattacke eine eher bescheiden große Lesegemeinde auf sich aufmerksam gemacht. Diese lyrische Herkunft sieht man der exakten, dichten Prosa von Junge Talente Seite für Seite an. Anders aber als die Gedichte hat der Roman das Zeug dazu, eine weitaus größere Zahl von Lesern zu begeistern: so originell und fantasievoll kommt die nirgends allzu sentimentale Reise durch die DDR-Vergangenheit daher. Seit Thomas Brussig ist wohl kein anderer Autor derart unbefangen mit dem deutsch-deutschen Thema umgegangen.
So viel also ist sicher: André Kubiczek ist talentierter als jene jungen Träumer und sympathischen Verweigerer der Prenzlauer Bohème, die seinen Entwicklungsroman zuhauf bevölkern. Daran ändert auch der bisweilen altväterlich angestrengt wirkende Ton nicht viel, der seine ansonsten frische Prosa hin und wieder durchzieht. An solchen Stellen merkt man Kubiczek den Germanisten an, der er zu Studienzeiten in Leipzig und Bonn einmal war -- und der offenbar bei den Expressionisten, namentlich bei Gottfried Benn und seinem Rönne aus Gehirne, in die Schule ging. Über weite Strecken aber ist Kubiczek mit seinem gelungenen Lehrstück Junge Talente ein eigenständiger Text geglückt, der neugierig macht auf das Nachfolgebuch. --Thomas Köster
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Buchnotiz zu : Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.03.2002
Einen "außerordentlich teilnehmenden Beobachter" bejubelt Rezensent Mark Siemons im jungen Helden dieses Romans. Mit dessen gut entwickeltem und feinem Gespür für die "Möglichkeiten der Abgrenzung durch Kleidung, Rede und musikalische Vorlieben" nämlich habe Autor Kubiczek ein "präziseres Medium zur Erfassung jener Endzeit der DDR" erschaffen, als es den üblichen politischen Etiketten möglich sei. Im Blick des Protagonisten setzen sich nach Ansicht des Rezensenten die "Mosaiksteine des Prenzlauer-Berg-Phänomens" ganz neu zusammen, nun nicht zum Literaturort stilisiert und so "endlich für die Literatur gewonnen": keine Legende, sondern "ein Gewusel von Gestalten, die sich mit unterschiedlichem Erfolg und Desillusionierungsgrad durch Leben schlagen". Für den Rezensenten ist es "schon der Bewunderung wert", wie Kubiczek es schafft, "all diese sattsam bekannten Klischees" sich so zwanglos aus den "Irrwegen und Idiosynkrasien seines Helden" entwickeln zu lassen, dass sie ihm überhaupt erst im nachhinein auffallen. Pointe des Textes ist für den Rezensenten, dass er als Leser den "unausgesprochenen Fluchtpunkt" des Erzählens kennt und die ganze Zeit mitdenken kann: den Untergang der DDR - obwohl die Geschichte wohl kurz vorher abbricht und so die beschriebene Szene listig ins Symbolhafte verklärt.
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Buchnotiz zu : Süddeutsche Zeitung, 02.04.2002
Was für ein Buch! In Rezensent Jens Bisky hat es glatt eine Persönlichkeitsspaltung ausgelöst: Seine Rezension kommt in der eigenwilligen Form eines Dramoletts daher. Darin debattieren die drei letzten Mitglieder der Arbeitsgruppe zur "Förderung realistischer Tendenzen", Frau Dr. Scherlein, "prinzipienfest und offenherzig", der "bärtige" Professor Tör, "ein Kenner", und Kotte, "Mitte dreißig, der noch immer dort wohnt, wo der Untergang des Sozialismus ihn überraschte" über André Kubiczeks Roman "Junge Talente". Die wichtigsten Ergebnisse der Debatte seien hier kurz referiert: Frau Scherlein erblickt in "Junge Talente" ein "eindrucksvolles Panorama der späten DDR", während Prof. Tör sich kleinlich über die sprechenden Namen im Roman (Onkel "Mahner", der biertrinkende Punk "Beck", der Dichter "Schnabel", usw.) mokiert, und Kotte den Blick auf die Liebesgeschichten zu lenken sucht. Darauf weist Scherlein Törs Vorwurf zurück, es handle sich um eine bloße Pubertätsgeschichte. Vielmehr seien hier privates und politisches Schicksal ineinander verwoben. "Meisterhaft" findet Scherlein denn auch, wie der Autor Beobachtungen und Geschmacksurteile zu einer "Aussage über die gesellschaftlichen Zustände verdichtet". Was Scherlein "meisterhaft" nennt, schimpft Tör ein Sammelsurium aus "Kurzrezensionen, bissigen Kritiken, Schimpfreden", jede Erscheinung der Wirklichkeit werde eine vorhersagbare Diagnose zugeteilt und auf die Komposition des Romans sei nicht viel Mühe verwendet worden. Kotte stimmt insofern zu, als er sich die ersten sechzig Seiten ziemlich gelangweilt hat. Dann aber, in Berlin, gewinnt die Geschichte seiner Meinung nach doch an Fahrt, wird farbig, lebensnah. Kotte jedenfalls hat sich köstlich amüsiert. Tör findet das Buch schlampig, und Scherlein ist zumindest beeindruckt. Unser armer Rezensent aber kann sich nicht entscheiden.
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