Ich fand Sabrina Setlur (die Älteren unter den Jüngeren werden sich noch erinnern) eigentlich schon immer überbewertet. Von ihren Fans sowieso, aber auch vom Rest der Welt. Wegen Sabrina Setlur habe ich "Junge Herzen" aber natürlich auch nicht gekauft, und nur wegen Sabrina Setlur werde ich die CD auch nicht wegwerfen - wozu gibt es denn so etwas wie eine Skiptaste?
In letzter Zeit hört man ja ziemlich häufig, deutschsprachige Popmusik mache gehörig von sich reden. Gemeint sind damit dann damit zum Glück nicht Schweinerocker Heinz-Rudolf Kunze und Co., die um ein bisschen mehr Beachtung fürs vermeintlich unterschätzte eigene Werk barmen, sondern Bands wie "Juli" und "Wir sind Helden"; seitdem man Annett Louisan irgendeinen Preis (Echo?) verliehen hat, hört man ihren Namen auch etwas häufiger. Na, wir werden sehen, welche Namen uns in drei, vier Jahren noch ein Begriff sind.
Diverse Jahre hat die Zusammenstellung "Junge Herzen" inzwischen auch schon auf dem Buckel, und von den oben Genannten findet sich darauf niemand. Gekauft habe ich die Doppel-CD nicht bei ihrem Erscheinen im Jahre 2001, sondern erst im Frühjahr 2002, und manche Band, die einen Beitrag zu den "frechen deutschen Lovesongs" (Unterzeile auf dem Cover) beisteuern durfte, ist heute schon dem verdienten Vergessen anheim gefallen: Tic Tac Toe zum Beispiel, denen in der Dalli-Dalli-Schnellrunde wahrscheinlich zum Stichwort "frech" auch immer nur Gossensprachliches einfallen würde: "Scheiße"? Hatten wir leider fuffzehn Mal, davon müssen wir vierzehn abziehen, bleibt eins. Und in Schillingen ist das leider auch nix, weil's den Schilling nicht mehr gibt.
Auch Purple Schulz, der uns hier in der Verkleidung "Kami & Purple Schulz" wiederbegegnet, könnte ich wohl gut entbehren - mit seinem Stück "Ich will raus (Sehnsucht)" konnte ich schon in den 80er Jahren nichts anfangen, und der 1999er Neuauflage, die ihren Weg auf diese Doppel-CD gefunden hat, kann ich ebenfalls nichts abgewinnen.
Zugelegt habe ich mir "Junge Herzen" auch nur eines einzigen Stücks wegen: "Liebesbrief" von Thomas D. Der hat, zusammen mit Nina Hagen, noch ein zweites Stück zu "Junge Herzen" beigetragen: "Solo", Stück 10 auf der ersten CD, finde ich auch nicht schlecht. Und wenn wir schon mal beim Thema sind: "Sie ist weg" von den Fantastischen Vier gefällt mir auch. Bleiben, wenn ich Sabrina Setlurch und ihre Tic Tac Toe-Klone abziehe, immer noch über 20 Stücke, die ich gekauft habe, weil ich "Liebesbrief" seinerzeit auf keinem anderen Tonträger gefunden habe.
Darunter finden sich unvergängliche Stücke wie "Bonnie & Clyde 2000" (von Moses Pelham feat. Cora E), "Mach mich An-Ja" von einer gewissen Anja Krabbe und ... Moment - ich muss das alles ablesen, denn "Junge Herzen" läuft bei mir zwar dann und wann im Hintergrund, aber bleibenden positiven Eindruck haben bei mir außer den Genannten nur noch Laith Al-Deen, Xavier Naidoo, Freundeskreis feat. Joy Delanane (wenn man sich ins Booklet vertieft, fühlt man sich schnell in die Tageszeitungsredaktion versetzt, soviel wird da gefeatured) und Jazzkantine hinterlassen; ganz, ganz schlimm finde ich hingegen ein Stück mit dem Titel "Einfach" von einer Combo namens Afrob (feat. Meli): das ist einfach so eintönig, dass man wirklich einfach gestrickt sein muss, um's nicht einfach langweilig zu finden - einfach gestrickt oder unter dem Einfluss von Drogen.
"Ich will mehr" von "Such a Surge" lasse ich auch noch gelten, aber auch nur, weil die es mal endlich richtig krachen lassen und das Hip-Hop-Einerlei auf "Junge Herzen" mal mit ein bisschen Gitarre aufmischen.
Während ich diese Zeilen tippe, versuche ich, sämtliche Stücke der Doppel-CD getreulich hintereinander abzuhören, aber ich stelle gerade fest: ich schaff's nicht; zwischendurch muss ich einfach immer wieder auf die "Skip"-Taste drücken.
R e s ü m e e
Mein Resümee lautet nämlich schlicht: "Liebesbrief" von Thomas D gefällt mir nach wie vor. Und sollte ich demnächst im Preisausschreiben ein Mischpult gewinnen, werde ich umgehend einen Mix aus "Liebesbrief" und dem englischen Weihnachtslied "Little Drummer Boy" anfertigen.
Und der Rest? Macht mich mehrheitlich zum Skipper; "Junimond" von "Echt" lasse ich gelten, aber das Original von Rio Reiser gefällt mir trotzdem besser (und was ist eigentlich mit den richtig frechen deutschen Lovesongs wie zum Beispiel "Mädchen wollen küssen" von Helge Schneider!?)
Bleibt vielleicht noch die Frage, ob die von den Damen und Herren bei Sony Music mit dieser Veröffentlichung wahrscheinlich ins Visier genommene Zielgruppe sich wirklich von Covermotiven angesprochen fühlt, die der Grafikpraktikant mal eben aus einem 0815-Schmuckbild und einer Kaputt-Schrift "X-Beliebig, bold" zusammengestoppelt hat (es kann natürlich auch sein, dass man mit dieser CD vornehmlich Funkhausschaffende bemustern wollte, in deren Archiv sonst eher CDs mit den Wildecker Doppelherzbuben feat. Hansi Hinterseer stehen - das würde dann einiges erklären, dochdoch).