Julian erschien 1964/65; von daher ist es schwer, den Roman rein als historischen Roman zu betrachten und nicht als Schlüsselroman zur Person der legendären US-Präsidenten John F. Kennedy, dessen Berater Gore Vidal zuvor gewesen war. Und dennoch muß dieses Projekt den Autor zuvor viele Jahre lang beschäftigt haben, was ihn nachgeradezu visionär erscheinen lässt.
Detailliert läßt Gore Vidal eine versunkene Welt wiederaufleben und Revue passieren; die ethische Korruption der Mächtigen, die krude Gradlinigkeit des religiösen Fanatismus -- all das findet sich gespiegelt sowohl im Konstantinopel des 4. Jhs. als auch in den Machtzentren der Vereinigten Staaten des 20. Jhs. Gore Vidal gelingt diese Parallelisierung ohne Abstriche bei der Überlieferung machen zu müssen. "Seine" Spätantike ist die Geisteswelt des 4.Jhs. und kein ideologischer Abklatsch. Und auf dieser Basis spürt er die Parallelen auf.
Julians Besonderheit liegt darin, daß er sich der Korrumpierung durch Reichtum und Macht mit aller Kraft seiner Gesinnung und seiner philosophischen Bildung entgegenstemmt -- und ebenso der Idiotie der religiösen Fanatiker. Heide aus Berufung ist er durch und durch ein zutiefst christlicher Mensch. Sein Fehler ist, die Auswüchse, den Fanatismus für den Irrglauben zu halten, dem er mit dem Mut der Verzweiflung eine wiederbelebten heidnische Religion entgegenstellen will, nachdem er keinen Weg mehr sieht, das System von innen heraus zu erneuern.
Formal handelt es sich um eine Mischung zwischen Briefroman und fiktiven Aufzeichnungen, ein Kunstgriff, mit dem Gore Vidal eine Atmosphäre von Authentizität erschafft, die den ganzen Text durchzieht.
Bei aller Trauer und Bitterkeit über den Untergang Julians (ebenso wie John F. Kennedys) durchweht ein unerschütterlicher, wenn auch wehmütiger Optimismus und Glaube an den Menschen den Roman.