Vom Erzählstil und seiner Struktur her ist dieser Roman ganz anders gestrickt als die bisherigen Bücher von Robert Charles Wilson. Wer einfach ein weiteres Buch von diesem Autor lesen möchte und dabei Vertrautes erwartet, wird zwangsläufig enttäuscht.
Dabei enthält es sogar zwei Stilmittel, die bisher auch schon in den besten Büchern von Wilson (gemeint sind "Spin" und "Chronolithen") anzutreffen waren. 1) Die Perspektive des Ich-Erzählers, der 2) nicht der eigentliche Held der Handlung ist, sondern vielmehr eine mehr oder weniger wichtige Nebenperson. In "Spin" war der Ich-Erzähler Privatarzt eines wichtigen Entscheidungsträgers, in Chronolithen ein Informatiker, der einer Physikerin wichtige Zuarbeiten lieferte. Im vorliegenden Roman handelt es sich beim Ich-Erzähler um Adam Hazzard, einen angehenden Schriftsteller (!) aus dem ehemaligen Kanada (!), der gleichzeitig der beste Freund von Julian Comstock ist. Dennoch ist der Roman, wie schon gesagt, so ganz anders als die beiden genannten (und auch alle anderen) Bücher von Wilson.
Die Handlung setzt ca. 160 Jahre in der Zukunft ein. Es ist eine Post-Doomsday-Welt. Die Katastrophe, die sie herbei geführt hat, war eine ökologische und hängt vor allem mit der restlosen Erschöpfung der Ölvorkommen zusammen. Die Technologie ist auf die Stufe des 19. Jahrhunderts zurückgefallen. Es ist wieder eine Zeit der Dampflokomotiven, der Telegrafendrähte und des Pferdes. Auch in zivilisatorischer Hinsicht gab es eine Rolle rückwärts. In den USA hat der Feudalismus Einzug gehalten und die Menschen sind eingeteilt in Aristokraten, Pächter (bürgerliche) und Leibeigene (wenigstens gibt es keinen Rassismus mehr). Die Amtszeit des Präsidenten ist nicht mehr beschränkt und er wird alle vier Jahre durch Akklamation ohne Gegenkandidaten im Amt "bestätigt". Die USA erstrecken sich vom Panama-Kanal bis Alaska, auch Kanada ist einverleibt. Die führenden Kirchen haben sich zum "Dominion" zusammengeschlossen und nehmen auf Politik, Moral, Kultur und Bildung großen Einfluss, wobei sie alles zu unterdrücken trachten, was nicht mit dem christlichen Glauben zu vereinbaren ist - darunter auch Darwins Evolutionslehre.
Wilson hat sich Mühe gegeben, Schreibstil und Denkhorizont des Ich-Erzählers diesem Hintergrund anzupassen. In diesem Zusammenhang gilt ein Lob auch dem Übersetzer. Man bekommt wirklich das Gefühl, ein Buch in den Händen zu halten, das VOR ca. 160 Jahren geschrieben wurde. Gerade dieser Umstand dürfte allerdings auch so manche Leser-Erwartung enttäuschen. Durch den gewollt antiquiert wirkenden Schreibstil und die Unbedarftheit eines anfangs naiven Adam Hazzard, der erst nach und nach die weite Welt kennen lernt und dabei klüger wird, liest sich das Buch über große Strecken eher wie ein historischer Roman. Auf vielen Seiten kann man sich kaum des Eindrucks erwehren, eigentlich über vergangene Zeiten zu lesen.
Und WAS liest man? Es ist die Lebensgeschichte von Julian Comstock, seines Zeichens Neffe des amtierenden USA-Präsidenten. Julian ist die Nr. 1 in der Erbfolge auf das Präsidentenamt. Daher steht er auf dessen Abschussliste ganz oben. Adam, Julian und ihr väterlicher Feund und Lehrmeister Sam Godwin befinden sich bald auf der Flucht vor den Häschern des Präsidenten. Dabei durchlaufen sei eine abenteuerliche Odyssee in einer seltsamen, aber leider nicht unplausiblen Zukunft Nordamerikas. Ihre Dreierkonstellation erinnert ein wenig an Frodo, Sam und Gandalf: Der Träger einer großen Last, der treu ergebene (und etwas tumbe) Freund und der Weise Alte. Wer solche Konstellationen und die historisch anmutende Umgebung mag, wird an "Julian Comstock" seine Freude haben. Wer Science Fiction im eigentlichen Sinne erwartet, wird allerdings ziemlich enttäuscht. Nun ging es Wilson zwar schon immer eher um die Innenperspektive und die persönliche Entwicklung der beteiligten Personen, aber so wenig SF war bei ihm noch nie.
Dennoch: Fünf Punkte für einen interessanten Blick in eine mögliche Zukunft, für lebendige entwicklungsfähige Charaktere, für eine spannende - wenn auch manchmal etwas langatmige - Handlung und nicht zuletzt für einen sehr angemessenen Schreibstil.