Trotz geglätteter Filmproduktionen und Feiertagsreden seit rund 60 Jahren hat es das Attentat vom 20. Juli 1944 auf Hitler schwer, in der deutschen Historiographie einen angemessenen Platz einzunehmen. Vom bequemen Schreibtischstuhl hält mancher auf dünnster Quellengrundlage urteilende Kritiker von heute vieles für unzulänglich, was die mitten im Kriegsgeschehen agierenden Verschwörer unter Einsatz ihres Lebens taten. Vor diesem Hintergrund ist es nur zu begrüßen, dass Manfred Zeidler dem 20. Juli 1944 einen Essay gewidmet hat.
Für Zeidler verkörpert der 20. Juli 1944 „den einzig ernsthaften Versuch, das Regime Adolf Hitlers durch Deutsche selber zu beseitigen" (S. 7). Versuche zur Ermordung Hitlers hat es viele gegeben, jedoch außer dem 20. Juli 1944 keine, die auch die Überwindung des NS-Staates zum Ziel hatten. Zeidler spekuliert über die politischen Möglichkeiten, die eine neue Reichsregierung nach dem Tod Hitlers gehabt haben könnte. Den Gedanken, das Attentat hätte im Falle des Gelingens ein sofortiges Kriegsende herbeiführen und Millionen von Menschenleben retten können, hält er für erwägenswert, gibt aber zu bedenken, dass man nicht lange um einen Waffenstillstand hätte verhandeln können, da die Alliierten auch gegenüber einem Reichskanzler Goerdeler auf der bedingungslosen Kapitulation bestanden hätten.
Jüngste Kritik gegen den 20. Juli (Christian Gerlach, Johannes Hürter), die eine verspätet einsetzende Moral bei zentral wichtigen Personen attestieren, weist er als besserwisserische Einwendungen ex post zurück und fragt zu Recht: „Doch verliert jemand die Tauglichkeit zum ‚Vorbild', wenn er schuldhafte Erfahrungen mit dem Unrecht macht, um schließlich daraus den Anstoß zum Handeln zu gewinnen, zur radikalen Wendung gegen diejenigen, von denen dieses Unrecht ausgeht und die mit immer neuen Zumutungen andere zur Komplizenschaft nötigen?" (S. 29).
Den meisten Raum nimmt vor diesem Hintergrund dann die Auseinandersetzung mit der Kritik an den politischen Zielvorstellungen und dem nach Zeidler letztlich zentralen moralischen Grundantrieb der Verschwörer ein. Hier wird insbesondere auf die in ihrer Endphase diskreditierte Weimarer Republik abgehoben, die in den Augen der Verschwörer nicht Opfer, sondern Ursache Hitlers gewesen war. Auch die Schwierigkeit, für eine ungewisse Zukunft zu planen, betont Zeidler nachdrücklich. So sei es am Ende vor allem ein moralischer Konsens gewesen, der Antrieb des Attentats war, da ein politischer Konsens 1944 noch nicht erreichbar und auch nicht erforderlich gewesen sei. Daher erscheint Zeidler der 20. Juli vor allem als „moralisches Fanal", das sich in dieser Funktion auch genügte (S. 59).
Die Ausarbeitung schließt mit einem sechsseitigen Literaturverzeichnis und dem Abdruck von fünf für das Selbstverständnis der Verschwörer wichtigen Quellenstücken.