Truffauts "Jules et Jim" gilt als einer der schönsten Filme des 20. Jahrhunderts. Aber dass dieser Film auf einer Romanvorlage basiert, weiß kaum jemand. Tatsächlich hatte Truffaut zu einer Zeit, als noch niemand seine spätere Karriere erahnen konnte, Rochés Roman aus einer Ramschkiste gezogen und bald darauf mit dem Autor Kontakt aufgenommen. Der Rest ist Filmgeschichte -- aber leider (noch?) nicht Literaturgeschichte.
In "Jules und Jim" schreibt Roché über eine seiner eigenen Liebesgeschichten -- neben ihm selbst (alias Jim) lassen sich sein langjähriger Freund, der Schriftsteller Franz Hessel (alias Jules), dessen Frau Helen (alias Katherine) und weitere Beteiligte (unter anderen der Archäologe Herbert Koch alias "Albert" oder F. zu Reventlow alias "Gertrud") erkennen.
Natürlich muss man sich davor hüten, "Jules und Jim" als Rochés Autobiographie zu lesen -- schließlich eignen sich Romane prinzipiell nur sehr bedingt für die biographische oder historische Quellenforschung. Aber als literarisches Rohmaterial eignet sich Rochés eigene Biographie allemal -- wie man hier lesend nachprüfen kann. "Jules und Jim" ist nämlich ein Roman, den zu entdecken sich lohnt.
Lakonisch, fast wie ein unbeteiligter Chronist schildert Roché eine Geschichte mit unspektakulärem Anfang und spektakulärem Ende: Da sind zum einen Jules und Jim, der Deutscher, der andere Franzose. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts leben beide in Paris und freunden sich schnell an. Eine außergewöhnliche Freundschaft, die sich von Anfang an durch Großzügigkeit und das völlige Fehlen von Neid und Eifersucht auszeichnet. Daran ändert auch Katherines Erscheinen nichts. Sonst aber ändert sie einiges im Leben der beiden, die von ihr fasziniert sind; vor allem ihr archaisches Lächeln hat es ihnen angetan: Es gleiche dem Lächeln einer antiken Statue, die ihr gemeinsamer Freund Albert ihnen einmal gezeigt hat. Schließlich heiraten Jules und Katherine -- mehr aus einer Laune heraus, wie es scheint. An der "Dreiecksbeziehung" (um das Wort halt doch mal in den Ring zu werfen) ändert die Heirat wenig; sogar der Erste Weltkrieg stellt letztlich nur eine Unterbrechung dar im Malstrøm der vermeintlichen und echten Missverständnisse unter einer scheinbar heiteren Oberfläche. Rührend und zugleich tragisch sind nicht nur ihr beharrliches Schweigen, wenn sie hätten sprechen können; nicht nur die in all ihrer Grobheit hilflosen Provozierungen und die dem Anderen bewusst zugefügten Kränkungen, und nicht nur die ungelenken Versuche, das Richtige zu tun.
Irgendwie erwartet man ein Ende mit großem Knall von den ersten Seiten an -- aber nicht, weil die Handlung vorhersehbar gewesen wäre, sondern weil Roché Atmosphären und Stimmungen so unauffällig mitteilt, dass der Leser sie erst beim dritten Lesen bewusst mitbekommt, und selbst dann nur, wenn er aufpasst wie ein Schießhund.
Merkwürdig, dass dieser Roman trotz seiner Verfilmung nie so recht bekanntgeworden ist. Am Buch selber kann es nicht liegen.