Professor Remo H. Largo leitete 30 Jahre lang die Abteilung Wachstum und Entwicklung am Kinderspital Zürich. Dort kam ich auch zum ersten Mal mit ihm in Kontakt, lange bevor er seine Bestseller "Babyjahre", "Kinderjahre", 'Glückliche Scheidungskinder' und 'Schülerjahre' verfasste. Und ich sprach mit ihm auch nicht über pubertierende Kinder, sondern über die Behinderung meiner Tochter. Dieser Austausch war für uns damals wichtig, da wir schnell das Gefühl hatten, dass dieser Arzt nicht nur über ein großes Fachwissen verfügt, sondern auch menschliche Qualitäten mitbringt, die bei Spezialisten oft verkümmern. Sein neustes Buch habe ich nun gelesen, weil ich mich mit Neurodidaktik beschäftige und manchmal an Gymnasien darüber referiere.
Wie Remo H. Largo sein Wissen über die Jahre der Pubertät vermittelt, lässt den Leser schnell erahnen, dass dieser Arzt auch einiges von Didaktik versteht. Denn wie der die geballte Ladung an Wissen aufbereitet und neugierigen Lesern vermittelt, verdient allein schon fünf Sterne. Schwierige Sachverhalten verständlich darzustellen, gelingt ihm vor allem mit dem Konzept, sich auf ein Frage-und-Antwort-Spiel mit Monika Czernin einzulassen. Die mit ihrer Tochter in München lebende Journalistin, Buchautorin und Filmemacherin trägt also viel zum Gelingen dieses Ratgebers bei.
Zum Konzept gehört auch, dass nach jedem Kapitel und Unterkapitel das Wichtigste in Kürze zusammengefasst wird. Wer also nicht so viel Zeit in die Lektüre investieren will, kann auch nur diese Summaries lesen. Allerdings wäre das schade. Denn oft sind es eben die Details und weiterführenden Erläuterungen, die und Eigenheiten der Pubertät besser verstehen lassen. Oder die Farbbilder von Helena Gagern, von denen ich mir die meisten in einem größeren Format gewünscht hätte. Für Abwechslung und Praxisbezug sorgen auch die Zitate von Jugendlichen oder die Verweise auf bekannte Filme wie Twilight, Harry Potter, Herr der Ringe, The Social Network oder Denn sie wissen nicht, was sie tun.
Gegliedert ist das Buch in drei Teile, die insgesamt fast jede Frage abdecken, die man sich zum Thema vorstellen kann. Doch eine solche Gesamtschau hat natürlich auch die Schwäche, dass die Antworten von unterschiedlicher Qualität sind. Denn so gescheit und belesen Remo H. Largo auch ist, auf jedem Gebiet ist er trotzdem nicht Spezialist. Und manchmal hätte ich mir auch gewünscht, dass er kritischen Worten konkrete Lösungsvorschläge folgen lässt. Am liebsten solche, die nicht nur auf persönlichen Meinungen beruhen, sondern auch durch wissenschaftliche und seriöse Studien einigermaßen abgesichert sind. Gerade zum Thema Gewalt gäbe es Autoren, die den Lesern etwas zu sagen hätten, das über das Bekenntnis von Remo H. Largo hinausgeht, er habe keine Erklärung. Und beim Thema Religion greift der bekannte Arzt und Bestsellerautor einfach zu kurz. Dafür finde ich seine Ausführungen zur Problematik der Drogen ebenso fortschrittlich wie erhellend. Als Largos persönliche Meinung sehe ich den Ratschlag, sich beim Setzen von Grenzen eher zurückzuhalten. Zumal sich eine gegenteilige Haltung durchaus mit guten Argumenten begründen lässt.
Mein Fazit: Ohne das Inhaltsverzeichnis zu kennen, kann der Leser davon ausgehen, dass er auf die meisten seiner Fragen eine Antwort finden, die ihm Sicherheit gibt. Oder zumindest den Weg weist, wo er eine Lösung findet. Das Buch ist didaktisch klug aufgebaut, verständlich geschrieben und reich bebildert. Zudem finden sich im Anhang zahlreiche Grafiken, die Forschungsergebnisse und statistisches Material veranschaulichen. Und ein ausführliches Register erleichtert das Auffinden von Antworten auf spezielle oder persönliche Fragestellungen.