Ich kenne den Roman sehr genau, insofern fühle ich mich auch dazu berufen, etwas zu der Verfilmung zu sagen. Die Verfilmung hält sich ziemlich genau an die Romanvorlage und erzählt den Roman chronologisch. Was fehlt, ist die Episode mit dem kleinen W und das Kapitel "Das Gespenst". Ersteres kann man verkraften, aber diesen Albtraum des Lehrers halte ich für wichtig. Eine scheinbare Ungenauigkeit führt zu einer inhaltlichen Verfälschung. Eva sagt zu Z im Film: "Ich liebe dich." Im Roman gibt sie sich Z nur hin, um ihn davon abzuhalten, sie anzuzeigen. Sie liebt ihn nicht. Das sagt sie auch später vor Gericht: "Nein", sagt sie leise, 'ich liebe ihn nicht.' Der Z schnellt empor. 'Ich habe ihn auch nie geliebt', sagt sie etwas lauter und senkt den Kopf." Die Rolle der Lehrerin halte ich für eine Fehlbesetzung. In der Romanvorlage wird eine resolute, etwas verschrobene und vor allem linientreue Pädagogin gezeichnet: "Wir berücksichtigen weder Flitter noch Tand, wir legen mehr Wert auf das Leistungsprinzip als auf das Darbietungsprinzip." Und weiter: "...denn Weiber kommen ja leider nicht an die Front." In der Verfilmung erscheint eine junge, gut aussehende, völlig harmlos wirkende Lehrerin. Das, was sie sagt, passt nicht zu ihrem Aussehen. Genau so ging es mir mit "Fräulein Nelly", der Prostituierten, die von Katin Saß dargestellt wird. Sie erscheint in der Verfilmung als abgetakelte, ältliche Person, die eher wie eine biedere Hausfrau wirkt als eine Gewerbsmäßige. Es war mir auch nicht einsichtig, warum die "Frau Professor", die Mutter des Z, bei der Gerichtsverhandlung einen schwarzen Witwenschleier trägt. Sie ist zwar Witwe; der Tod ihres Mannes liegt aber schon längere Zeit zurück. Julius Caesar ist mir als suspendierter Pädagoge ohne Einkommen mit Nadelstreifenanzug und Nelke im Knopfloch etwas zu sehr aufgetakelt. So gut geht es ihm eigentlich nicht; er lebt vom Scherzartikelverkauf und verdient sich mit juristischen Tipps im Rotlichtmilieu etwas dazu. Was mich auch gestört hat, ist die Kleidung der Jungen im Zeltlager. Sie hatten mit ziemlicher Sicherheit HJ-Hemden an. Da sich die Handlungsdauer des Romans über einen Zeitraum von ca. eineinhalb Jahren erstreckt (vom März 1934 bis September 1935), hätte man im Lager auch eine Hakenkreuzfahne sehen müssen. Wenn man den Roman genau liest, so erkennt man, dass Horvath irgendeinen fiktionalen faschistischen Staat darstellen will. Der Name Hitler fällt im ganzen Roman nicht. Es ist immmer nur vom "Oberplebejer" die Rede oder vom "Geburtstag des Oberplebejers", der allerdings am 20. April gefeiert wird. Wenn man sich schon vom Dritten Reich freimachen will, dann hätte man Fantasieuniformen nehmen können. Die abgelegten Uniformen aus dem Ersten Weltkrieg sind historisch nicht korrekt. Eine Bemerkung noch zum "Feldwebel": Peter Sodann macht aus dieser Rolle eine Klamaukrolle. Man kann ihn und sein Genuschel nicht ernst nehmen. Alles in allem aber ist diese Verfilmung im Vergleich zu den anderen filmischen Adaptionen, die ich kenne, mit Abstand die beste. Ulrich Mühe hebt sie aus der Durchschnittlichkeit heraus.