Lange, wirklich lange haben Fans von Judit Polgar auf eine Partiensammlung von der 1976 geborenen ungarischen Grossmeisterin warten müssen. Hat sich das Warten gelohnt? Um es vorwegzunehmen: ja, zum grossen Teil ja!
IM Karoly beschreibt in dem vorliegenden Buch den Stil von Judit und seine Zusammenarbeit mit der Polgar-Familie, die durch Vater Laszlo Polgar berühmt wurde als dieser behauptete, er könne aus jedem jungen Menschen ein Genie machen, es gehört nur eine Menge Fleiss und Training dazu. Vater Polgar hielt sein Wort: seine drei Töchter wurden allesamt Grossmeisterinnen: Genies auf dem Schachbrett! Und das dank täglichen Trainings.
Judit, die jüngste der drei, hat schon als Kleinkind durch spektakuläres Angriffsspiel und bemerkenswerte Erfolge selbst gegen die stärksten männlichen Mitstreiter die Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Nun ist sie 28 Jahre alt und eine Biographie war längst überfällig, weil sie einfach zuviele schöne Partien gespielt und gewonnen hat! Man vergleiche sie nur mit GM Shirov, der - nur wenige Jahre älter - dieses Jahr schon Teil 2 seiner "Besten Partien" herausbringen will!
Zum vorliegenden Buch ist zu sagen, dass der Autor natürlich nicht wirklich aus erster Hand berichtet, berichten kann. Es wäre ungleich schöner, wenn Judit selbst zur Feder gegriffen und dem Buch so ihre persönliche Note gegeben hätte. So wäre
man in den Genuss ihrer eigenen Erlebnisse, Gedanken und Gefühle sowohl während als auch vor und nach der Partnen gekommen.
Als "Fan" wünscht man sich doch nichts lieber als Erzählungen aus "erster Quelle", auch gerne einmal Geschichten abseits des Schachs, aus dem Privatleben, von den Reisen zwischen den
Turnieren, vielleicht den Vorbereitungen auf bestimmte Gegner, Fotos usw. Pal Benko gelingt das in seinem jüngst erschienenen Buch "My life, games and compositions" in beeindruckener Weise.
Aber man kann Karoly hierfür natürlich keinen Vorwurf machen. Er konzentriert sich in erster Linie auf die Partien - und was für Partien das sind! Scharfes Angriffsspiel und Figurenopfer wechseln sich ab, oft stehen beide Könige exponiert und die Dynamik zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch! Interessant ist auch Karoly's Vergleich von Judit und dem verstorbenen Angriffsspieler Pereny: beide seien unerbitterliche Kämpfer und Angreifer auf dem Brett, aber gleichermassen ruhig-besonnen und sympathisch abseits vom Schach! Davon möchte man doch mehr hören!
Insgesamt präsentiert uns Karoly 89 Partien und Partieaus-schnitte, darunter spektakuläre Siege der "Schachprinzessin" über solche Top-Spieler wie Anand, Karpov, Shirov, Kamsky, Topalov und (endlich auch!) Kasparov! Wenn man die Partien durchspielt, kann man nicht mehr genug von ihnen bekommen und so hätten es meiner Meinung nach noch ungleich mehr sein dürfen!
Aber vielleicht ist das ja sogar die versteckte Absicht Karoly's: er macht uns Judit erst schmackhaft (muss man das denn überhaupt noch?) und in absehbarer Zeit erscheint dann Teil 2 der Biographie aus ihrer eigenen Feder! Schön wär's ja!
Fazit: Wenn auch nicht von ihr selbst geschrieben, doch endlich ein gutes, längst überfälliges Buch über die Prinzessin des Schachs! Sehr empfehlenswert!