Hier haben wir ein weiteres Meisterwerk der Briten von Anathema, und es steht sowohl seinem Vorgänger „Alternative 4" als auch seinem Nachfolgealbum „A Fine Day To Exit" in nichts nach. Wie jede Scheibe dieser großartigen Band besitzt auch „Judgement" ihren ganz eigenen Charme, der sich nur schwer in Worte fassen lässt.
Gleich der Opener „Deep" lädt mit wunderschön komponierten Melodien und tollen Gitarren zum Träumen ein. Schon hier ist zu erkennen, dass Anathema anno 1999 noch rockiger zu Werke gegangen sind als heute. Allerdings finden sich auf diesem Album auch eine Reihe entspannterer und einfach angenehm trauriger Songs, wie etwa „Forgotten Hopes" oder das wundervolle „One Last Goodbye". Letzterer steht bei näherer Betrachtung seiner Lyrics (die leider nicht vollständig im Booklet zu finden sind) übrigens in inhaltlichem Zusammenhang mit dem folgenden Track „Parisienne Moonlight", eine Situation wird aus zwei Perspektiven beschrieben und dadurch gewinnen beide Songs zusätzlich eine ganz besondere Faszination. „Parisienne Moonlight" ist überdies dominiert von einer Klavierbegleitung und wurde vom Gitarristen Danny sowie von Lee Douglas eingesungen, die auch auf dem folgenden Album ein paar Gesangslinien beisteuerte.
Wo wir schon beim Gesang sind: Einmal mehr beweist Vincent Cavanagh hier, was in seiner Stimme steckt; er singt sanft und gefühlvoll in tiefen wie in hohen Tonlagen und erzeugt an besonders mitreißenden Stellen nicht selten eine Gänsehaut beim Hörer. Zudem singt er sehr verständlich und deutlich, sodass man die Lyrics von „One Last Goodbye" auch ohne vollständige Präsenz im Booklet fast perfekt nachvollziehen kann.
Die Instrumentierung tut ihr übriges, um die Kompositionen im perfekten Glanz erstrahlen zu lassen. Die Gitarren klingen angenehm und sind häufig akustisch, können in rockigen Passagen aber auch eine entsprechende Kraft entfalten, ohne dabei allerdings zu hart zu klingen. Die Keyboards, für die diesmal noch Danny verantwortlich zeichnete, dienen der Schönheit und Atmosphäre und wurden diesbezüglich optimal eingesetzt, ohne jemals aufdringlich oder - wie im Gothic-Bereich allzu häufig der Fall - pseudo-düster zu klingen. Drummer John hält sich soweit zurück, dass die Songs nicht an ihrer Entspanntheit verlieren, und spielt somit ebenfalls genau richtig; ähnliches gilt für Dave Pybus, der hier erstmals bei Anathema die Bassgitarre übernommen hat, nachdem Duncan Patterson die Band verlassen und Antimatter gegründet hatte.
Ferner ist löblich, dass jeder Song einen hohen Grad an Eigenständigkeit besitzt und sich gut einprägt, ohne dass dabei seine Faszination aufgrund zu einfacher Strukturen vergänglich wäre. Trotz der Prägnanz jedes einzelnen Titels fügt sich das Album am Ende zu einem stimmigen Ganzen zusammen. Überraschungen wie das traumhafte Klavier in „Anyone, Anywhere", für das die Band extra einen Gastmusiker verpflichtet hat, tun ihr Übriges, um dieser Scheibe den letzten Anstrich zu verpassen.
Was noch erwähnt werden sollte, sind die durchweg überzeugenden Texte, in denen es sich um Einsamkeit, Isolation und verlorene Zeit dreht und die so perfekt formuliert und gesanglich umgesetzt wurden, dass man sich auf Anhieb von absolut jedem Lied angesprochen fühlt und die beschriebenen Emotionen nachempfinden kann. Dies ist wohl eine Kunst, die neben Anathema nur sehr wenige Musiker beherrschen - Musik zu machen, in die man sich hineinversetzen kann. Die Stimmung wird durchweg von einer angenehmen Traurigkeit dominiert, die niemals unangenehm depressiv wird und außerdem gelegentlich durch etwas hoffnungsvollere, lockrere Melodien aufgelockert wird.
Wie man sieht, gibt es an „Judgement" eigentlich absolut nichts zu meckern - Anathema haben hier ein weiteres Glanzstück emotionaler, atmosphärischer Rockmusik abgeliefert, das viele andere Bands - sogar die eigentlichen Vorbilder - beizeiten in die Lächerlichkeit versinken lässt. Ein einziger Kritikpunkt wäre, dass das instrumentale Outro „2000 & Gone" etwas eintönig ist und von seinen Melodien nicht ganz mit der Qualität des restlichen Albums mithalten kann, aber sein wir mal ehrlich - wegen dieser witzlosen Kleinigkeit braucht man sich nun wirklich nicht in die Hose zu machen, und ob der überragenden Gesamtqualität kann man mehr als getrost darüber hinwegsehen. Reine Metal-Headbanger sowie Freunde von emotionsloser Plastikmusik sollten die Finger davon lassen, allen anderen gebe ich hiermit den offiziellen Kaufbefehl. Widerstand ist zwecklos! Ach ja, Anspieltipps braucht ihr nicht, die Songs sind alle genial.
Spielzeit: 56:49 Min.
Klangqualität / Produktion: 10/10
Eingängigkeit: 8,5/10
Innovation: 9/10
Wiederspielwert: 10/10
Stimmigkeit: 10/10
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Kaufempfehlung: 10/10