Eigentlich hatte ich dieses Buch wegen der Kopiervorlagen für den jüdischen Religionsunterricht gekauft; leider ist es dafür vollkommen ungeeignet (nicht nur, weil die Bilder sehr schlecht sind).
Aber noch mehr: nach zunächst kurzer, dann genauerer Durchsicht bleibt nur das Urteil: für jeglichen Unterricht über das Judentum absolut ungenügend! Ich bin überrascht, wie einem renommierten Verlag wie Vandenhoeck & Ruprecht so etwas passieren konnte - kann man sich dort keinen Lektor oder zumindest Berater für Bücher zum Judentum leisten? Von den 48 Seiten des Buches enthalten 40 Seiten zum Teil gravierende Fehler. Ich weiß nicht, wie verbreitet das Buch ist, aber es wundert mich jetzt nicht mehr, dass Grundschüler unsere Synagoge besuchen und zum Teil die absurdesten Vorstellungen vom Judentum haben.
Es beginnt mit der Einleitung, in der sich unter "Stichwort ,Judentum'" der Satz findet: "Die Geschichte der Gewalt muss bedacht, bereut und durch eine neue, hoffnungsvolle Geschichte der Gemeinsamkeit und des Miteinanders überwunden werden." Ganz abgesehen davon, dass Geschichte sich nicht "überwinden" lässt - die Geschichte ist nun einmal so, wie sie ist -, ist es bei derartiger Herangehensweise nicht verwunderlich, dass die Beschäftigung mit dem Judentum "verklemmt" wird. Kinder im Grundschulalter brauchen weder etwas zu bereuen noch zu überwinden, sie sollen einfach lernen.
Es geht weiter auf Seite 5: ein jüdischer Junge namens Joschi (zufällig auch der Name des Rezensenten) ("... sein richtiger Name ist Josua ..." - warum wird hier nicht die jüdische Namensform "Joschua" gewählt?) beginnt den Tag mit Tallit und Tefillin (Gebetsschal und Gebetsriemen) - auf Seite 21 lernen wir jedoch, dass Joschi "noch nicht Bar Mizwa sein kann". Dann kann er aber auch nicht Tallit tragen oder Tefillin legen.
Auf Seite 6 wird Joschis "Morgengebet" abgedruckt. Anstatt hier tatsächlich die Hauptteile des jüdischen Morgengebets (Lobsprüche, Gesangsabschnitte, Schma Israel, 18-Bitten-Gebet) abzudrucken oder einzuführen, wird eine schwer verständliche Übersetzung des Gedichts "Adon Olam" gewählt und als "das" Gebet dargestellt (was Joschi auswendig kann - dabei benutzen Juden zum Gebet üblicherweise einen Siddur, ein Gebetbuch). Dieses Gedicht wird einem christlichen Morgensegen (von Luther) gegenübergestellt. Es ging dem Autor offenbar nicht darum, den eigentlichen Inhalt jüdischen Gebets darzustellen, als vielmehr eine Gemeinsamkeit zum christlichen Gebet zu konstruieren.
Auf Seite 8 sind verschiedene "Gebetshaltungen" graphisch (schlecht) dargestellt und man soll "die jüdische" herausfinden; das Problem ist nur, dass keine der abgebildeten Gebetshaltungen ein jüdisches Gebet darstellt. Dazu die Frage, was "beten" eigentlich bedeutet - aber kein Hinweis auf eine jüdische Definition ...
Auf Seite 9 geht es um das Schma Jisrael (Höre Israel), als Erklärung für den Ursprung der Tefillin (Gebetsriemen) - leider wurde nur der erste Abschnitt des Schma abgedruckt (Dtn. 6,4-9), in der Frage zum Abschnitt wird dann aber impliziert, dass etwas "fehlt" (nämlich der Abschnitt über die Zizit = Schaufäden am Gebetsmantel).
Auf Seite 11 wird behauptet, die Tefillin erinnerten Joschi daran, "mit Hirn und Herz an Gott zu denken, Gott zu loben und zu danken". Dass die Gebetsriemen am Arm jedoch daran erinnern sollen, im Sinne Gottes zu HANDELN, scheint den Verfassern unbekannt. Es ist jedoch ein wesentlicher Unterschied zwischen Christentum und Judentum, dass im Judentum die richtige TAT weitaus wichtiger ist als der richtige GLAUBE.
Ganz schlimm wird es auf Seite 12 f., wo erklärt wird, "wie jüdische Jungen in Israel den Schultag erleben" - am Beispiel von Benjamin. Zunächst war meine Frage: warum nur Jungen? Das wurde mir klar, denn was folgt ist eine hanebüchene Beschreibung dessen, was die Autoren sich unter einer jüdischen Schule vorstellen, die aber am ehesten einem Lehrhaus aus der Zeit vor 2.000 Jahren entspricht. Es ist die Rede davon, dass Mädchen zuhause bleiben müssen, um "Korn mahlen, Brot backen, kochen und weben, waschen und nähen" zu lernen, während die Jungen "verschiedenen Alters (...) in engen Reihen auf dem kühlen Lehmboden" hocken, es keine Tafel gibt und das einzige Lehrbuch die Bibel ist. Es folgt ein Bibelzitat in falschem Hebräisch, das ein "Rabbi Jehuda" den Kindern vorspricht, während alle "den Oberkörper vor und zurück" wiegen. Der Rabbi "malt (...) die Buchstaben in den Sand oder auf ein Wachstäfelchen", für die jüngsten gibt es Holzbuchstaben mit Honig zum Ablecken, wie es vor 300 Jahren in den kleinen jüdischen Dorfschulen in Osteuropa gemacht wurde. Als Beispiel hierfür ist dann ein Honigtopf und darunter das Tetragramm, der für Juden unaussprechliche Name Gottes abgebildet - allerdings falsch geschrieben, statt Jud-He-Waw-He steht dort Jud-He-Resch-He. Natürlich würde kein Jude den Namen Gottes mit Honig bestreichen und ablecken. Durch den folgenden Arbeitsauftrag "Schreib Benjamin einen Brief ... Erzähle ihm von deiner Schule ..." wird der Eindruck verstärkt, diese Beschreibung entspräche auch nur entfernt einer modernen jüdischen Schule in Israel. Spätestens der 2011 Oscar-prämierte Film "Strangers no more" über eine Schule in Tel Aviv sollte die Autoren des Buches lehren, wie eine jüdische Schule wirklich aussieht - oder ein Besuch in einer jüdischen Schule in Deutschland, Österreich oder der Schweiz (Hamburg, Berlin, Köln, Frankfurt, Stuttgart, Wien, Zürich ...).
Es folgen Kapitel über die Synagoge, in der die Einrichtungsgegenstände falsch benannt werden, ungenaue Darstellungen dessen, was "Tora" (gemeint ist die hebräische Bibel) ist, ein Kapitel über Konfirmation (wie kommt das in ein Buch zum Judentum?), zu Chanukka und zum Laubhüttenfest (diese beiden überraschenderweise ohne große Fehler), zu König David, wobei hier die messianische Hoffnung auf ein "Friedensreich" betont wird, zum Tempel Salomons und Jerusalem, wobei als einziges Bild eine byzantinische oder mittelalterliche Phantasie-Darstellung Jerusalems gewählt wird (warum nicht eine moderne?), zum babylonischen Exil (mit einem Auszug aus Jesaja 54 zur Rückkehr aus der Gefangenschaft - warum nicht Psalm 126, der hierfür quasi DER jüdische Text ist und an Schabbat und Feiertagen gesungen wird) und dem merkwürdigen Arbeitsauftrag, sich mit alten Bettlaken, Sandalen und Bändern als "Israeliten" zu verkleiden (Juden als exotisches Karnevalsobjekt?). Dann ein Kapitel über das "Glaubensbekenntnis" (gemeint ist das Schma Jisrael), das in falschem Hebräisch wiedergegeben wird, einschließlich einer Aussprache des Gottesnamens, die Juden nie verwenden ...
Zu Pessach (das hier "Passa" genannt wird - warum benutzt man nicht die jüdischen Namen?) wird es dann wieder ganz schlimm: unter der Überschrift "Ein Passa-Brot backen" (S. 43) gibt es ein Phantasie-Rezept für Mazzen, ungesäuerte Brote. Von den fünf aufgelisteten Zutaten sind lediglich zwei für echte Mazza üblich und die angegebene Art der Zubereitung würde das Resultat für jegliche Verwendung zu Pessach untauglich machen. Die Herstellung von Mazzen darf insgesamt höchstens 18 Minuten dauern, damit der Teig nicht anfangen kann, zu säuern; das abgedruckte Rezept sieht 15 Minuten kneten und 90 Minuten "ruhen lassen" vor - damit gilt der Teig nach jüdischer Tradition als gesäuert. Die "Brote" sollen dann 1 cm dick ausgerollt und mit Olivenöl bestrichen werden - echte Mazza ist 1 mm dick und besteht lediglich aus Wasser und Mehl, sonst nichts.
Es folgt auf S. 44-46 ein ausgedachter Seder-Abend ("Feiern wie Joschi"), der ungefähr so "echt" ist, wie in einem Buch über das Christentum ein Kapitel "Wir spielen Abendmahl" wäre, in dem man statt Brot und Wein lieber Würstchen und Bier nimmt und statt der Einsetzungsworte deutsche Volkslieder singt (Zitat: "Als Tischmusik eignet sich israelische Folklore"). Besonders überrascht hat mich der "Kuchen in Form eines Osterlamms", da außer Mazza/ungesäuertem Brot zu Pessach alle Speisen mit Mehl verboten sind und auch ein Lamm nichts, aber auch gar nichts auf dem Sedertisch zu suchen hat, weder als Kuchen noch als Braten (der Knochen auf dem Sedertisch ist lediglich ein Symbol - und genau den soll man nach Anweisung des Heftes "lieber weglassen", ebenso das verbrannte Ei).
Im abschließenden Kapitel über den jüdischen Kalender wird der Kalender gar nicht erwähnt, sondern nur, dass die jüdischen Feste "wandern", "so wie unser Osterfest". Dass die Feste aber im jüdischen Kalender selbstverständlich immer auf dasselbe Datum fallen, ist nicht erwähnt. Außerdem werden weder der neben dem Versöhnungstag wichtigste jüdische Fasten- und Trauertag (9. Aw) noch alle modernen jüdischen Feiertage, wie z. B. der Holocaust-Gedenktag, der Gedenktag für Gefallene und Terror-Opfer, der israelische Unabhängigkeitstag und der Jerusalemtag erwähnt. Am schlimmsten ist jedoch der Fehler in der Tabelle, nach der "Passa" mit "Neujahr" und "Versöhnungstag" zu den "Ernsten Festen" gerechnet wird (es ist ein Pilgerfest) und das "Tora-Freudenfest" plötzlich zu einem Pilgerfest wurde (obwohl es dies nicht ist).
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