Stilistisch überzeugt Joseph Roth sowieso grundsätzlich, und zwar in allen seinen Werken. Was den besonderen Reiz seiner "Juden auf der Wanderschaft"-Essays und Reportagen, erstmals 1927 erschienen, ausmacht: Hier erzählt er virtuos und übergangslos mal aus der Perspektive eines Schtetl-Bewohners, dann wieder aus der des Historikers, wechselt dann in seine eigene.
Diese Texte wirken nur im ersten Moment wie Momentaufnahmen; in Wirklichkeit sind sie sorgfältig aufeinander aufgebaut: Eine Betrachtung über die weltlichen und religiösen Bedingungen, ohne die das osteuropäische Judentum sich in seinen Charakteristika nicht hätte entwickeln können, leitet das Buch ein ("Ostjuden im Westen"). Freilich ist dieses erste Kapitel betont subjektiv gehalten und nicht als Geschichtsschreibung vorgesehen. Daraus erklärt sich auch, dass sich manches darin für heutige Leser grausig prophetisch liest, dass man anderes aber auch, wäre die europäische Geschichte menschlich weitergegangen, heute wohl kritischer betrachten würde (hätte, wäre, würde... verspielte Konjunktive; leider hat die deutsche Geschichte nicht nur sie vernichtet).
Dem schließen sich lebendige Skizzen aus osteuropäischen Schtetln der 1920er Jahre an ("Das jüdische Städtchen"), danach folgen Betrachtungen zunächst übers "Exil" des osteuropäischen Judentums in den westeuropäischen Metropolen der 1920er Jahre: Wien, Berlin und Paris, wobei das Paris-Kapitel etwas allgemein gehalten ist. Roth stellt hier nicht nur die Gemeinsamkeiten dar, sondern er spürt vor allem die jeweiligen Besonderheiten heraus: Gilt die ehemalige Habsburger-Metropole Wien schon fast ein vertrautes Emigrationsziel, so stellt Roth Berlin eher als Durchgangsstation von Emigranten dar, die dann eher umständehalber bzw. zufällig in Berlin sesshaft werden: "Wer in aller Welt kommt freiwillig nach Berlin?" Paris, das Roth eher kursorisch abhandelt, wäre eigentlich fast ideal, schreckte da nicht die fremde Sprache ab...
Wann und wo sonst haben heutige Leser noch Gelegenheit, dermaßen viel Wissenswertes aus erster Hand dermaßen locker erzählt zu bekommen? Joseph Roth nimmt hier eine ähnliche Perspektive ein wie in den beiden ersten Kapiteln: Er bleibt so nahe wie möglich an der Wirklichkeit, beschönigt wenig, und ist dennoch auf sympathische Weise parteiisch. Hinzu kommen Details und Trouvaillen wie z.B. en-passant-Bemerkungen über russische Konvertiten zum Judentum -- im Zarenreich(!), als das doch ganz gewiss nicht opportun war. Oder auch Roths Würdigung der jüdischen Handwerker: "Man leugnet im Westen auch den jüdischen Handwerker. [...] Der Begriff von Ländern im Osten, in denen alle Juden Wunderrabbis sind oder Handel treiben, [...] diese kindischen Vorstellungen sind ebenso lächerlich, wie der Traum des Ostjuden von einer westeuropäischen Humanität". Anderes weiß man zwar, liest es hier aber präzise in einem Satz zusammengefasst: "Die Söhne und Töchter der Ostjuden sind produktiv. Mögen die Eltern [in der Wiener Leopoldstadt] schachern und hausieren. Die Jungen sind die begabtesten Anwälte, Mediziner, Bankbeamten, Journalisten, Schauspieler."
Dasselbe lässt sich auch über die beiden letzten Kapitel sagen ("Ein Jude geht nach Amerika" über die bisweilen sogar skurril anmutenden Vorbereitungen einer Emigration nach Amerika und "Die Lage der Juden in Sowjetrußland"). Das Russland-Kapitel liest man, mit dem heutigen Wissen über Stalins Terror auch gegen die jüdische Bevölkerung, freilich noch einmal ganz anders als die Zeitgenossen des nicht gerade blauäugigen Roth; seine ebenfalls 1927 erschienenen
Russland-Reportagen lassen übrigens einen noch weniger enthusiastischen Joseph Roth erkennen.
Das ändert aber alles nichts daran, dass Roth hier einmalige Eindrücke anschaulich aufbereitet und mithilfe all dieser vermeintlichen Momentaufnahmen ein literarisches Monumentalgemälde einer Welt in ihrer Epoche schreibt -- buchstäblich im allerletzten Moment.
Gelegentlich s c h e i n t Roth das osteuropäische Schtetl seiner Zeit allzu verklärend betrachtet zu haben, als eine Art Freilichtmuseum mit skurrilen Bewohnern -- aufmerksamen Lesern freilich wird der ironische Unterton seiner Betrachtungen nicht entgangen sein. Nicht entgangen sind Joseph Roth jedenfalls Elend und Unterdrückung, aber er bemerkt eben auch die Umgehungsstrategien im engeren und weiteren Sinne, die das osteuropäische Judentum zwangsläufig entwickeln musste. Manchmal (selten) freilich scheint er in die Klischee-Falle zu stolpern, auch wenn er's stilistisch vollendet tut.
Ob die Schtetl-Bewohner seiner Reportagen und Essays ihr Dasein womöglich etwas weniger traditionsverhaftet und mehr mit den Bequemlichkeiten der Moderne ausgestattet hätten, hätte man sie selber darüber entscheiden lassen... Aber die Frage ist nicht nur müßig, sie schmeckt auch gallenbitter; die Gründe sind bekannt.
Schließlich konnte nicht einmal ein scharfer Beobachter wie Joseph Roth ahnen, welche Welt er in ihren letzten Atemzügen abbildete und in welch unmenschlichem Inferno sie wenige Jahre später verbrennen würde. Umso wirkungsvoller das "memento mori!" für heutige Leser.
Unbefangen kann man diesen Band jedenfalls nicht zur Hand nehmen, gerade weil ihn der Herausgeber Christian Brandstätter so liebevoll und opulent ausgestattet hat.
Die vielen Fotos in der illustrierten Ausgabe des Brandstätter-Verlages, etliche davon ganz- oder doppelseitig, halten nicht nur eindrucksvoll die Welt des osteuropäischen Schtetl für alle Zeiten fest, sondern sind auch sorgfältig ausgewählt worden und beziehen sich konsequent auf Roths Reportagen und Essays. Die ohnehin anschaulichen Texte gewinnen dadurch noch mehr Kontur, werden noch anschaulicher, noch eindrucksvoller, gehen dem Betrachter noch näher. Manche Fotos sind auch im großformatigen "
Die jüdische Welt von gestern" abgebildet, was in diesem Fall nicht gegen den Herausgeber spricht, sondern für ihn -- und vor allem für die beeindruckenden Fotos selber.
Bei der Betrachtung der Fotos zieht's den Blick unweigerlich hin zum Jahr des Aufnahmedatums, und schon beginnt man unwillkürlich zu rechnen: Konnte dieses Kind, das 1910 im Cheder die Thora studiert, konnte dieser alte Mann im Festgewand, der 1937 würdevoll der Hochzeit seiner Tochter entgegenschreitet, noch rechtzeitig vor den Deutschen fliehen, oder konnten sie wenigstens noch sterben wie ein Mensch? Und wenn ja: Wie viele konnten es nicht?
Die Zahlen sind bekannt, aber hier verleihen Wort und Bild den Zahlen ein Gesicht.
Das Buch selber stellt jedenfalls eine äußerst gelungene Kombination dar aus brillantem Text, dokumentarischem Wert, beeindruckenden Fotos -- alles vereinigt in einem Layout der Extraklasse.
--------------------------------------------------
Anmerkung:
Möglicherweise fehlt wegen eines Setzerfehlers nicht nur in meinem Exemplar, sondern in der gesamten ersten Auflage (2010) der Schluss des letzten Satzes auf Seite 71. Wenn ja, hier der fehlende Text:
------
so ist das ebenso ein Irrtum, wie der Glaube eines westjüdischen Bankiers, der sich "arischer" fühlt, weil in seiner Verwandtschaft schon Mischehen vorgekommen sind. (ergänzt nach: J.R., Orte. Leipzig 1990; S.241)
------
Irritieren lassen sollte sich kein Interessierter von diesem Manko. Ohne dieses verkraftbare Fehlerchen wäre dieses Buch in dieser liebevollen Ausstattung nämlich beängstigend perfekt.