Shulamit Volkov hat mit diesem Buch einen wunderbaren Band zur jüdischen Geschichte in Deutschland von 1780 bis 1918 geschrieben. Die Informationen sind wie selten zuvor in einem Buch zusammen gefasst, wobei man sich sehr viel Kontextwissen aneignet. Neben dem Stadtjudentum wird auch die weniger bekannte Zeit des Landjudentums integriert. Während viele Juden in den Jahrzehten vor dem Desaster des Holocaust in den Städten lebten, oder im 19. Jahrhundert wie viele christliche Deutsche in die USA ausgewandert sind, lebte ein beachtlicher Teil der deutschen Juden bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts in ländlichen Gemeinden. Die Fürsten im 17., 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts waren auf der Suche nach Steuerzalern und hatten daher Juden aus Osteuropa angeworben. Einzelne kleinere Gemeinden hatten gar einen jüdischen Bevölkerungsanteil bis zu 30%. Der Gesamtanteil der jüdischen Bevölkerung an der deutschen Gesamtbevölkerung war etwa 1%, daher waren die Landgemeinden von einer heute recht unvorstellbaren Bedeutung. Durch ihre Präzenz von über einem Jahrhundert lang (in manchen Fällen noch länger) haben auch diese Landgemeinden die Kultur in diesen Gegenden beeinflusst. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts durften Juden dann auch in Städte ziehen und haben dies meist auch getan. Somit ging eine Epoche zu Ende. Eine kleinere Minderheit jedoch blieb in den ländlichen Gemeinden bis zur Tragödie des Holocaust oder im günstigeren Falle der vorherigen Auswanderung zu Zeiten der Hitler Diktatur. Sehr interessantes und recht unbekanntes Zeitdokument.