Muss die Geschichte des Urchristentums nach diesem Fund von Grund auf umgeschrieben werden? Wüste Spekulationen schossen ins Kraut, als im vergangenen Jahr das so genannte Judasevangelium zur Veröffentlichung anstand. Plötzlich lag nun das antike Exemplar eines Textes vor, von dessen Existenz wir bisher nur aufgrund seiner Erwähnung bei einigen Kirchenvätern - wie etwa bei Irenäus von Lyon - wissen konnten. Aber welche Bedeutung hat jener Text aus einem gut 1600 Jahre alten Codex wirklich? Was können wir von ihm erfahren über jenen Jünger aus dem Zwölferkreis, an dem die kirchliche Tradition kein einziges gutes Haar gelassen hat? Ist ihn vielleicht Unrecht widerfahren von jener frühkatholischen Großkirche, die sich dann nach jahrhundertelangem erbitterten Kampf um die Wahrheit letztendlich als Orthodoxie durchsetzen konnte?
Es ist zugegeben eine äußerst provokative Sicht, die uns das Judasevangelium anzubieten hat. Die uns weithin vertraute Darstellung des Verrats stellt es vollkommen auf den Kopf, nimmt eine totale Umkehrung aller Werte vor. Denn ihm zufolge hat niemand aus dem Jüngerkreis Jesus wirklich verstanden, alle nicht außer Judas. Sein Verrat war notwendig, damit der Offenbarer seine Sendung vollenden konnte. Kein anderer Jünger hat demnach dem Meister einen auch nur annähernd vergleichbaren Dienst erwiesen. Eine solche Botschaft schien wie geschaffen, um aus ihr gleich eine sensationelle Enthüllungsstory über die wahren Ursprünge des Christentums zu stricken. Und so stürzten sich bald zahlreiche Publikationen auf dieses höchst verlockende Thema.
Mit dem Neutestamentler Horacio Lona hat sich nun ein ausgewiesener Fachmann für die altchristliche Literatur der Gestalt des Judas und des ihm zugeschriebenen Evangeliums angenommen. Sein Buch weiß sich der nüchternen historischen Bestandsaufnahme verpflichtet. Es möchte all jene erreichen, die an solider Information interessiert sind, und setzt keine besonderen Fachkenntnisse voraus. In ebenso nüchterner wie klarer und allgemein verständlicher Art nimmt der Autor fünf Anläufe, um die verschiedenen Aspekte der Thematik aufzuarbeiten.
Die neutestamentlichen Zeugnisse über Judas verraten vor allem die theologische Perspektive des jeweiligen Autors und können nur vor diesem Hintergrund als Quellen für eine historische Rekonstruktion verwertet werden. Was hat Judas letztendlich zu seiner Tat gebracht? "Es war die Enttäuschung angesichts der nicht erfüllten messianischen Hoffnung, die Judas dazu veranlasste, Jesus der jüdischen Behörde auszuliefern. Die Ereignisse in Jerusalem machten ihm nur allzu deutlich, dass Jesus nicht der erhoffte Messias war" (S. 69) hält der Autor im Anschluss an Hans-Josef Klauck als die historisch plausibelste Erklärung fest. Bereits bei der Untersuchung des Bildes, das die kanonischen Evangelien sowie die Apostelgeschichte von Judas zeichnen, wird aber auch deutlich, wie hier eine "schwarze Legende" im Begriff ist zu entstehen. - In der altchristlichen Literatur werden zum einen die Motive dieser Legende weiter entfaltet. Zum anderen aber scheint es zumindest eine unter den gnostischen Strömungen gegeben zu haben, die in Judas geradezu das Vorbild des wahren Gnostikers erblickt hat.
In dieses Umfeld ist nun auch das wiedergefundene Judasevangelium einzuordnen, dessen abenteuerliche Entdeckungsgeschichte ein weiteres trauriges Kapitel der immer hemmungsloseren Kommerzialisierung aller Lebensbereiche hinzufügt. Darüber und natürlich auch über Inhalt und theologischen Ort dieser Schrift informiert Lona gleichermaßen kompakt und instruktiv. Die Schlüsselstelle, welche den Verrat des Judas als Dienst von unschätzbarem Wert deutet, lautet: "Du aber wirst sie alle übertreffen. Denn du wirst den Menschen opfern, der mich trägt" (Judasevangelium 56, 17-20). Die Auslieferung Jesu führt daher in Wahrheit zu seiner endgültigen Befreiung. An dieser Stelle wird die unüberbrückbare Kluft zwischen dem Bekenntnis der Großkirche und den meisten Spielarten der Gnosis einmal mehr anschaulich. Der Tod am Kreuz kann keine heilsmäßige Bedeutung erlangen, wenn sich der Erlöser von dem 'Menschen, der ihn trägt', befreit. "Christliche Theologie wird am Prüfstein der Christologie gemessen. Anders ausgedrückt: Ohne Kreuzestheologie gibt keine christliche Theologie"(S. 156).
Kehren wir zu unserer Ausgangsfrage zurück, die doch recht eindeutig zu beantworten ist: Die Geschichte des Urchristentums wird gewiss nicht neu geschrieben werden müssen. "Denn zu einem besseren oder gar völlig anderem Verständnis der historischen Gestalt des Judas trägt das Judasevangelium nichts bei"(S. 160). Und dennoch ist diese Schrift für unser Bild von der Judasüberlieferung in der gnostischen Literatur von außerordentlichem Wert.
Der streng historische Blickwinkel, den Lonas Buch einnimmt, hebt sich wohltuend von den vielen reißerischen Publikationen der jüngsten Zeit ab. Indem es sich auf die zentralen Fakten konzentriert, bietet es zuverlässige Orientierung. Wer einen fundierten Einstieg in die Thematik sowie einen soliden Wegweiser durch das Judasevangelium sucht, dem ist dieses Werk uneingeschränkt zu empfehlen.
Doch wirft er im 'Ausblick' seines Buches auch eine Frage auf, die ans Nachdenken bringt über die Tragweite rein historischen Erkennens. Wie verhalten sich 'Legende und Wahrheit' zueinander? Lona erläutert den Untertitel seines Werkes folgendermaßen: "Gewiss hat auch die Legende ihre Wahrheit, aber die von uns gemeinte Wahrheit ist die Wahrheit einer Person und ihrer Geschichte"(S. 165). Freilich schließt sich unweigerlich die Rückfrage an, wo denn die Geschichte einer Person ihr Ende findet. Gehören die Wirkungen, die von ihr ausgehen, nicht auch auf ihre Weise dazu? Zu Recht fügt der Autor wenige Zeilen weiter den bemerkenswerten Satz hinzu: "Das Geheimnis jeder Person steht nicht isoliert und beziehungslos da". Gewiss kann es nicht die Aufgabe ernsthafter Forschung sein, ein solches Geheimnis voyeuristisch lüften zu wollen. Doch Judas übt auch heute noch - besonders auf die Literatur - eine Faszination aus, auf die historische Analyse nur ein, wenn auch unentbehrlicher Teil der Antwort ist.