Der Vampir an sich ist ein sensibles, schmachtendes Wesen, das nur darauf wartet, von einem jungen, unschuldigen und selbstredend bildhübschen Mädchen in die glückseligen Sphären ewiger Liebe erhoben zu werden und mit ihm zärtlichen Kuschelsex zu haben. Diesen Eindruck könnte man zumindest gewinnen, wenn man die omnipräsenten
Twilight-Romane von Stephenie Meyer und die Bücher ihrer Epigoninnen, von Jeaniene Frost bis Tanja Heitmann, liest, die den Vampirroman – eigentlich ein veritables Subgenre des Horrorromans – bis zur Unkenntlichkeit weichgespült und die Untoten, die sich leider nicht dagegen wehren können, in schnulzige Helden von Liebesromanen für Teenies verwandelt haben. Einer der tapfersten Streiter gegen diesen Trend ist Markus Heitz, und allein dafür gehört er gepriesen.
Mit Kinder des Judas hatte Heitz, der sich schon in diversen Spielarten des fantastischen Romans versucht und sich dort eine große Fangemeinde erschrieben hat, erstmals Vampire in den Fokus genommen. Und er hatte gezeigt, dass es auch anders geht: Sein hoch spannender Mix aus düsterer Alchemie, obskurer Wissenschaft, mythisch-geheimnisvoller Fantasy und temporeicher Action auf zwei Zeitebenen – dem 17. Jahrhundert und der Gegenwart – war einer der großen Erfolge des Buchjahres 2007. Nun legt er den Nachfolgeband vor, der einige Fäden aus Kinder des Judas aufnimmt und auch ein paar Figuren aus den Werwolf- und Dämonen-Romanen Ritus, Sanctum und Blutportale enthält, trotzdem aber eigenständig funktioniert und ohne Weiteres isoliert gelesen werden kann.
Im Mittelpunkt der Gegenwartshandlung steht Theresia Sarkowitz, genannt Sia, eine seit Jahrhunderten nicht alternde untote Vampirin, die die letzte Abkommin der Kinder des Judas, einer besonderen Vampirart, zu sein glaubt. Sie setzt alles daran, ihre Nachfahrinnen Emma und Elena vor demselben Schicksal zu bewahren, das sie seinerzeit in diese quälende Existenz gezwungen hat. Doch bald stellt sie fest, dass sie mitnichten das letzte Judaskind ist, denn es taucht jemand auf, der sie seit Jahrhunderten gesucht hat und sie zu vernichten trachtet... Parallel dazu erzählt Heitz die Geschichte dreier Vampire, die im vorrevolutionären Frankreich der Jahre 1781/82 herauszufinden versuchen, welche Art von Wesen sie eigentlich sind, warum sie so geworden sind und ob sie eine Möglichkeit haben, ihr Schicksal zu verändern. Natürlich verknüpft sich die historische mit der Gegenwartshandlung – bis hin zu einem furiosen Finale, das es in sich hat.
Judassohn ist ein packender, in seiner Verquickung von historischem Geschehen, finsteren Legenden und realistischer Gegenwartsverankerung höchst faszinierender Roman – wer die letzte Seite umgeblättert hat, der wird nicht nur dem bereits angekündigten dritten Band Judastöchter entgegenfiebern, sondern dem werden auch die Bis(s)-Romanzen plötzlich extrem blutleer vorkommen. -- Christoph Nettersheim

Markus Heitz, geboren 1971, studierte Germanistik und Geschichte und lebt als freier Autor in Zweibrücken. Sein Erstling "Schatten über Ulldart", der Auftakt zum sechsbändigen Epos "Ulldart Die Dunkle Zeit", wurde mit dem Deutschen Phantastik Preis 2003 als "Bestes Roman-Debüt National" ausgezeichnet. Markus Heitz gehört heute zu den erfolgreichsten deutschen Fantasy-Autoren.
Markus Heitz im Interview über sein Schreiben, seine Romane – und seine besondere Vorliebe für Vampire! Lieber Herr Heitz, es ist schon lange bekannt, dass die Vampire Ihre Lieblinge sind – aber was hat Sie dann dazu inspiriert, Romane über sie zu schreiben? Ich fand es erstaunlich, dass es schon so viele Bücher über Vampire gab, und damit meine ich weder aktuelle Romane, noch den allgemein bekannten Klassiker von Bram Stoker. Joseph Sheridan Le Fanu, Tolstoi und viele andere "alte" Autoren haben sich bereits mit Vampiren beschäftigt, und ich fragte mich schlicht: Woher kommt der Glaube an die Existenz dieser Blutsauger? Je mehr ich nachforschte, je mehr historische Dokumente und Sammlungen ich ausgrub, umso facettenreicher, abwechslungsreicher und vielgestaltiger wurden die Vampire. Und dennoch gelingt es ihnen dabei, mysteriös zu bleiben und mit der Fülle von widersprüchlichen Informationen eine Wolke aus Verwirrung um sich zu erschaffen.
Das klingt fast, als würden Sie an die Existenz von Vampiren glauben … Ich behaupte nicht, dass es Vampire gibt! Aber die Menschen damals glaubten fest daran, weshalb man in Aufzeichnungen aus dem Mittelalter und der Frühen Neuzeit immer wieder Vampire findet. Klasse Spezies – wenn es sie echt geben würde.
In den letzten Jahren gibt es immer mehr Romane, in denen der Vampir keine blutgierige Bestie mehr ist, sondern vor allem ein galanter und potenter Verführer. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung – und planen Sie, auch etwas in dieser Art zu schreiben? Könnte man eine Rückkehr der Romantisierung nennen, nicht wahr? Eine Verharmlosung der Bestie, des Monstrums, vor dem die Menschen sich lange Zeit lang gefürchtet haben. Obacht! Es sieht ja fast nach einer geschickt eingesetzten Propagandamasche aus, um Vampire als nette, missverstandene Wesen darzustellen, die sich nach der Liebe und der Wärme der Lebenden sehnen. Dazu kann ich nur sagen: Fallt nicht darauf herein! Vampire wollen nur eines, und das ist in den wenigsten Fällen Kuschelsex, sondern Blut. Viel Blut. Menschenblut!
Haben Sie einen Lieblingsvampirfilm, den Sie empfehlen würden? In der Tat finde ich die Dracula-Verfilmung von Coppola gut, aber auch den Klassiker Nosferatu mit Max Schreck, passend dazu auch Shadow of the Vampire. Nicht zu vergessen den ersten Teil von Underworld. Und dann gibt es da noch The Hunger und Interview with the Vampire. Das sollte als abendfüllende Empfehlungen mal genügen.
Wenn Sie überlegen, wie Sie sich vom ersten Roman bis heute entwickelt haben - war da jemals auch der Wunsch, mal über etwas so ganz anderes zu schreiben? Oder ist das Schreiben eines Romans ohne Blut der Alptraum, der Sie mitunter im Schlaf einholt? Oh, ich WERDE sicherlich -wenn der Tod mit mir keine anderen Pläne hat- Romane ohne Blut schreiben, und dazu auch noch humoristische! Die stehen fest auf meiner Liste. Es gab da Begebenheiten, die einfach zu lustig waren, um sie nicht zu Papier zu bringen. Und ein klassischer Krimi, das muss eines Tages auch noch sein. Aber ansonsten fühle ich mich in dem düsteren Genre sehr wohl. So viele Möglichkeiten, Rätsel und Wesen, die in Dunkelheit und Licht warten.
Was gibt es eigentlich, vor dem Sie persönlich sich fürchten? Mal abgesehen davon, dass Sie Blut nicht gut sehen können ... Free-Jazz, dem ich nicht entkommen kann; irgendwo nackt auf der Straße zu liegen und von Free-Jazz geweckt zu werden; als Free-Jazzer wiedergeboren zu werden. DAS Schlimmste: die ultimative Idee für einen Roman gehabt zu haben und ihn nicht zu Ende geschrieben bekommen! Aber ansonsten ist es der Klassiker von Krankheit und Siechtum. Davor hat aber jeder Mensch Angst, denke ich.
Kinder des Judas, Judassohn, Ende 2010 dann die Judastöchter - erzählen Sie uns etwas über Ihren eigenen Familienclan, Herr Heitz?
Sie meinen, meine Romane wären autobiographisch? Wow, das wäre doch mal eine Enthüllungsstory, was? Aber nein, meine Familie ist reichlich normal und "un-judashaft". Um so mehr Spaß macht es, sich eine etwas andere Familie auszudenken, bei der die Abstammung problematisch-faszinierend ist. Alle um mich herum sind nett, lieb und kein bisschen bösartig.
Assamtee als Schreibdroge dürfte auch bei diesem Roman zum Einsatz gekommen sein. Was gibt es noch, was Sie beim Judassohn zum Schreiben brauchten, welche Musik lief beispielsweise im Hintergrund? Ja, der Assam war wieder mit dabei. Von irgendwas müssen die Zähne ja gelb werden, wenn ich schon nicht rauche. Ansonsten laufen verschiedenste Soundtracks, klassische Scheiben und Lieder aus dem Gothic-Bereich, von Elektro bis Mittelalter ... also, ECHTEM Mittelalter oder neu interpretiert, wie Qntal oder Helium Vola.
Für den Judassohn wird es eine große Lesetour der ganz besonderen Art geben - was wird das Neuartige an diesen Lesungen sein? Tja, die Tour an sich ist ja schon das Neuartige! Ein Bus, vollgestopft mit den verschiedensten Kreativen: Tanz, Musik und Buchstaben. Mit der Band Persephone, der Tänzerin Asherah Latifa und mir ist ein Projekt geplant, wo die Übergänge zwischen Musik, Tanz und Textpassagen fließend sein sollen. Und ich bin echt gespannt, wie es von den Besuchern aufgenommen wird. Einen kleinen Ansatz hatte ich damals schon in Homburg versucht, als ich bei einer Lesung aus
Kinder des Judas mit Asherah zusammen aufgetreten bin. Jetzt kommt sozusagen die "Deluxe"-Version.
Und zu guter Letzt: Die Tochter des Judassohnes wird es vermutlich nicht geben, aber verraten Sie als planender Mensch dennoch etwas über Ihre weiteren Ideen? Es wird
Judastöchter geben, im Dezember 2010 erscheinen die Damen. Wie der Titel vermuten lässt, ist es mehr als eine Dame, die ein Problem mit ihrer Abstammung bekommt. Sia wird gefordert sein und holt sich dazu Unterstützung, die man aus den Vorgängerbänden bereits kennt. Ohne zu viel verraten zu wollen, würde ich es als "Prominenten-Team-up" bezeichnen: Justine spielt eine Rolle. Und wo sie ist ...
Herr Heitz, herzlichen Dank für das Gespräch und viel Erfolg für Sie und Ihre literarische Familie!
Das Gespräch führte Lilo Häutle