Der vorliegende Film schildert die letzten Jahre im Leben des Schauspielers Ferdinand Marian (Tobias Moretti), die wesentlich von seiner Mitwirkung im antisemitischen Hetzfilm "Jud Süß" geprägt waren. Dabei gelingen Regisseur Oskar Roehler und seinem Team viele faszinierende Momente und Einblicke, aber gelegentlich passiert ihnen auch Unerträgliches. Vielleicht haben die Macher nicht so ganz genau gewusst, was sie für einen Film machen wollten, Charakterstudie, NS-Zeitbild oder grelle Groteske. "Jud Süß - Film ohne Gewissen" ist nämlich alles, und die verschiedenen Ebenen ergänzen einander nicht, sondern prallen gelegentlich so seltsam zusammen, dass es schmerzt. Da sehen wir sofort eine entsättigte sepiageprägte Farbgebung - Du liebe Zeit, das macht ja heutzutage jeder, seit es mit ein paar Mausklicks möglich ist. Roehler setzt es durchgängig ein und im Gegensatz zu einem Clint Eastwood immergleich. Man fühlt sich ein bißchen zu sehr daran erinnert, dass das jetzt ein ganz bedrückender Film werden wird, der sich einem ganz ganz gewagten Thema annehmen wird. Mit dem Holzhammer ist auch die fürchterliche Filmmusik eingesetzt. Es ist so sicher wie das Amen in der Kirche, dass sie immer genau dann eingesetzt wird, wenn ein dramatischer Moment kommt (z.B. wenn Marian lieber den Berliner Ruhm als die Liebe seiner Frau und die Ausreise nach Amerika will oder wenn Marian dem Juden Deutscher per Handschlag verspricht, dass "Jud Süß" ein rein künstlerischer Film würde). Dann kommt sie dräuend mit dissonanten Streichern oder mit rhythmisierten achtung-dramatisch-Streichern à la deutsche Fernsehdokus, nicht nur unterstützend, sondern in die Stille einsetzend und daher allzu forcierend, so als traute man uns Zuschauern nicht zu, es auch so zu merken. Auch der Untertitel "Film ohne Gewissen" zeigt, dass Roehlers Werk ein bißchen die Traute fehlt - argwöhnisch könnte man aber auch munkeln, dass eine solche Klarstellung im deutschen Filmförderdschungel nötig ist, um Geld gegen political correctness zu erhalten.
Anders als viele es empfunden haben, halte ich den Film jedoch keinesfalls für misslungen. Er hat gerade in der Anfangsphase kammerspielartige Stärken und zeigt durchgängig hervorragende, fein nuancierte darstellerische Leistungen. Wie beispielsweise die Blicke zwischen Marians Hausmädchen, ihm und seiner Frau hin- und hergehen, da zeigt Roehler mit minimalen Mitteln ein ganz spannendes, ambivalentes Interagieren, Belauern, Argwöhnen, mit Recht: Zum einen hat Marian ein Verhältnis mit diesem Mädchen, zum anderen verstecken die Marians einen Juden (den erwähnten Herrn Deutscher) im Hinterhaus und das Hausmädchen wird ihn an ihnen strammen Nazifreund verpfeifen, was alles schon in diesen wenigen Blicken vorweggenommen wird. Großes Kino! Großes Kino auch, wenn der Film zur lärmenden Groteske wird, verkörpert vor allem durch Moritz Bleibtreu in der Rolle des Joseph Goebbels. Bleibtreu ist gewiss kein Knallcharge, legt den Goebbels aber als solchen an, mit Handwedeln, platter Jovialität und Wutanfällen wie bei einem Kleinkind in der Trotzphase. Er hat sich dies aber - Dokumentationen und Zeitzeugenberichte belegen es - sehr gut beim echten Goebbels abgeguckt, einschließlich des penibel nachempfundenen Dialekts. Hier traut sich der Film einmal was, und hier gelingt ihm etwas: "Jud Süß"-Regisseur Veit Harlan schildert in seiner manchmal abscheulichen Autobiographie Goebbels als zeternden Dämon, der aber auch Verführungskraft gehabt habe - es gerät dem Autor zu einer peinlichen Rechtfertigungsschrift. Roehler zeigt ihn genauso, wie Harlan ihn beschrieben hat. Eine Szene mit perfider Einschüchterung und anschließendem Wutanfall, was Marian schließlich zur Mitwirkung an "Jud Süß" bewegt, scheint dem Buch eins zu eins entnommen zu sein. Aber sehen wir dies auf der Leinwand ohne Harlans verbrämte Kommentare, kommt in jeder Sekunde zum Ausdruck, was das für ein letztlich mit offenen Karten spielender Irrer war, ein gefährlicher und kluger Irrer zwar, aber definitiv nicht einer, bei dem einem verborgen bleiben konnte, dass "Jud Süß" ein perfider Hetzfilm werden sollte und musste. In den grotesken Szenen kommt die Gewissensnot des Marian, sein Schwanken zwischen Geltungsdrang und dem genauen Wissen, was er da tat, zum Ausdruck. Ein spannendes Psychogramm eines Menschen, so wie er und wie es gewesen sein könnte.
Da haben wir aber schon das zweite Problem: Wie es gewesen sein KÖNNTE, denn so ganz genau wissen wir es nicht. Was - wie auch bei Eastwoods "J. Edgar" - in gewissem Maße legitim ist. Moritz Bleibtreu im Bonus-Interview und die dissentierenden Richter in der "Esra"-Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts haben schon Recht: Kunst ist Kunst und als Kunst erkennbar, hier liegt schließlich kein Dokumentarfilm vor, und wenn dem Film mit den notorischen "Veränderungen aus dramatischen Gründen" etwas Spannendes gelingt, ist es allemal in Ordnung. Es ist nicht des Filmes Schuld, wenn Teile des Publikums wirklich alles glauben. Damit ist aber noch nicht gesagt, ob die dichterischen Freiheiten etwas taugen. Über Marian weiß man sicherlich nicht alles, aber ein bißchen mehr als über den sehr zurückgezogen lebenden J. Edgar Hoover, so dass Freiheiten meines Erachtens kritischer zu sehen sind. Manches präsentiert Roehler wie einen Paukenschlag; damit fordert er im Grunde selbst die Frage heraus: War es so? Dass z.B. "ein Kritiker mit dem wohlklingenden Namen Michelangelo Antonioni" "Jud Süß" gerühmt haben soll, lässt zusammenzucken - es handelt sich um einen Mann, der später Regisseur von Weltruf wurde. War es so? Für die Charakterisierung Marians ist die Szene elementar wichtig, in der er die Möglichkeit, von Italien nach Casablanca und von dort in die USA zu reisen, ausschlägt, um noch den Ruhm der Berliner "Jud-Süß"-Premiere einzuheimsen. Gab es diese Ausreisemöglichkeit? Man kann das eine wie das andere mutmaßlich erforschen. Und ich mag durchaus Filme, die dazu anregen, mehr wissen zu wollen; aber der vorliegende Film macht dieses geradezu notwenig statt nur zum Mehrwert. Da halte ich mich doch lieber an Fritz Lang, der der Ansicht war, die Filme selbst sollten alles Nötige ausdrücken.
Roehler kombiniert also einen mitunter großartigen Kammerspielfilm mit einem teils zu vorsichtigen Polit-Drama und einer schrillen, teils spekulativen Groteske (bei der vor allem Goebbels überzeugt, aber ein sich rührend um das Schicksal seiner Frau bemühender Hans Moser allzu sehr zur Karikatur verkommt). Man weiß nicht so recht, was das eine mit dem anderen zu tun hat. Muss man nach großartigem, leisem Auftakt im Hause der Marians immer mal wieder wilde Sexszenen haben, um Marians unerlöstes Ego zu demonstrieren? Teilweise in perversen Settings, wenn eine Frau im Blitzfeuer des Bombenhagels heftig von hinten "genommen" wird und "Mach's mir, Jude" stöhnt? Immerhin, hier zeigt der Film, wie Marian seinen Niedergang beschleunigt, wie er gleichzeitig seine, haha, Potenz genießt und dennoch darunter leidet, dass er ein Klischeebild bedient hat, da in "Jud Süß" eine Vergewaltigungsszene eine Schlüsselszene ist. Mit dem Ausruf "Jude" zeigt die Frau natürlich, dass sie Marian (der kein Jude war) mit seiner Rolle verwechselt, ein in allen Zeiten bei Stars gängiges Phänomen, aber hier besonders fatal. Dass Marian um diese Wirkung die ganze Zeit hätte wissen müssen, ist ohnehin klar. Eine Szene, die sich also durchaus rechtfertigen ließe, die aber dermaßen auf den Effekt hin inszeniert ist (Bombenhagel! Feuerblitze! Alle sind im Luftschutzraum, nur die beiden machen's im Obertgeschoß bei offenem Fenster, des besseren Lichteffekts wegen), dass man den Eindruck hat: Sex sells. Wie auch bei diversen anderen Sexszenen, deren ein Weniger an Expressivität und Anzahl locker gereicht hätte, um damit das auszusagen, was Roehler halt über Marian aussagen wollte. Weiteres gerät ihm zum Klischee, z.B. die Gettojuden, die selbstverständlich alle wenig sportlich wirken, bärtig sind und in etwas angestrengter Folklore ihre Musik und ihr Brauchtum pflegen. Sicherlich gab es all dies, aber doch nicht bei gefühlten 99 Prozent! Vor Hitlers Rassenwahn war vielen Juden, wie es das auch bei Christen gibt, ihre Religion völlig egal, und sie wussten gar nicht, was Jüdischsein groß bedeutet. Und da die Nazis das Jüdische nicht religiös, sondern erbbiologisch auffassten, kamen eben auch die vielen Juden ins Getto, die sich wenig um ihre Religion scherten.
Am Ende scheint der Film nach etwas zu langer Niedergangsphase (sie wird noch ausgewalzt, nachdem längst klar ist, dass Marian am Ende ist) noch einmal zu Hochform aufzulaufen: Die Wut der KZ-Befreiten, die ihn zusammenschlagen und endlich auch einmal nicht nur als Opfer gezeigt werden, ist verständlich (und dass die KZ-Schergen nach "Jud Süß"-Vorführungen besonders brutal vorgingen, ist erwiesen). Der Sex, den Marian noch haben will, verkommt zur Farce, und wenn er nicht mehr gewillt ist, einzuschreiten, als seine Freundin vor seinen Augen mit einem GI schläft, ist sein Tod im Grunde besiegelt. Aber auch hier: Das Wiedertreffen mit Deutscher, dem Marian einen "rein künstlerischen Film" versprochen hatte, wirkt überpointiert, und Marians letzter Blick auf ein Familienfoto ist ein purer Kitschmoment.
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