Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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43 von 51 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Am Ende lief es immer auf oralen Sex hinaus: wir redeten und redeten (Menasse), 23. Oktober 2007
Der 1954 geborene österreichische Schriftsteller Robert Menasse hat eine rabenschwarze Satire über die Folgen der 68er Aufklärungsbemühungen für die gebeutelte, nachfolgende gebildete Männergenerationen geschrieben.
Nathan , sein Protagonist, - während der Erzählzeit um die Fünfzig, demnach im Alter des Autors -, ist Sohn bereits früh getrennt lebender Eltern. Sein Vater , ein selbstverliebter Gesellschaftskolumnist, erteilt ihm zackige Lebensdirektiven und will nach Möglichkeit nicht von seinem Sohn belästigt werden. Seine Mutter, eine geschwätzige , unlogisch argumentierende Frau alten Schlages, entlässt Nathan im Grunde ahnungslos in eine veränderte Frauenwelt, in der- zumindest bei den Studentinnen der damaligen Zeit- alle Handlungen begründet werden müssen, auch jene im Bett.
Nathan studiert Publizistik, wie man seinen retrospektiven Betrachtungen entnimmt. Er ist politisch aktiv und hat Erfolg als Schreiberling in der Studentenzeitung mit dem Artikel " Das Hymnen- eine bürgerliche Erfindung?" .
Schließlich lernt er Franz kennen , mit dem er Jahrzehnte lang eine enge Männerfreundschaft pflegen wird.
Zeitgleich begegnet ihm Alice. Sie wird später eine sehr erfolgreiche Schauspielerin in Paris sein. Für die Hauprolle im Film " Der letze Mann" erhält sie den Cesar als die beliebteste Schauspielerin. Dem Protagonisten des Film schneidet sie übrigens mit einem elektrischen Küchenmesser den Penis ab.
Der Student fügt sich in seinen frühen Jahren in " Penetrationsdebatten", nicht zuletzt , weil er in Ruhe abwarten konnte, ob sich überhaupt eine Erektion einstellte.
Nathan ist ein gutaussehender junger Mann. Die Frauen mögen ihn. Er wird von ihnen zwar pausenlos verführt, gelangte damals aber letztlich nie zu einem " richtigen" , " gesunden" Orgasmus , wie er später als 50 jähriger in seiner Badewanne überdenkt, als er dort in pharmazeutisch hergestelltem Fruchtwasser relaxen möchte.
Er fragt sich an anderer Stelle, weshalb er als junger Mann nie animalisch reagiert hat und meint zu erkennen, dass die Form, wie man damals intersexuell agierte dienstleisterlisch war, weil man damals nicht zuletzt der Frauenbefreiung und der Emanzipation zu dienen hatte.
Er ist irritiert von der Abstraktheit und Selbstgefälligkeit -mit der insbesondere die von ihm geliebte Alice -über Sinnlichkeit und Lust sprach. Er weiß, dass er unfrei war.
Zwischen der höchst amüsanten Badewasserszene und seinen Studienjahren liegt Nathans Karriere als Journalist.
Nachdem der Publizistikstudent sein Studium abgebrochen hat , verschafft ihm sein Vater die Möglichkeit journalistisch tätig zu werden, allerdings protegiert er ihn keineswegs. Nathan soll selbst etwas leisten.
All dies , was er als Student im Bett erlernt hatte, wird im Berufsleben bedeutungslos. Jetzt lernt er Frauen kennen , die die reine Lust wollen.
Die fünfundzwanzigjährigen Frauen setzten sich sogleich " auf Schwänze, so wie heute Telefone auf Ladestationen sitzen". Er erkennt in dieser Haltung allerdings auch den Pferdefuß, denn die Mädels wollten, solange sie jung waren und ihr Körper etwas hergab, ihr Glück machen. Dieses Glück sollte dann halten bis zum Tod. " So geil wie die neuen Pornos und zugleich so romantisch wie die alten Groschenhefte."
Nathan heiratet zweimal. In zweiter Ehe eine promovierte Philosophin, bei der er die Zärtlichkeit für sich entdeckt und keineswegs mit ihr vögeln möchte, sondern sich stattdessen wünscht in ihren Geburtkanal einzudringen.
Zehn Jahre währt dieses Glück. Er wird in dieser Zeit Chefredakteur, sie Aufsichtsrätin in einem Wirtschaftunternehmen. Der Erfolg entfremdet die beiden voneinander und Nathan wird " Spezialist für frustrierte, verheiratete Frauen", nicht zuletzt , weil sich das Paar so selten sieht.
Als er seinen Job verliert, kümmern sich die Psychotherapeutin Hannah seelisch und Christa, seine Geliebte, sexuell um seine Belange.
Sein berufliches Tief allerdings ist nur ein vorübergehendes, denn zu Ende des Buches schreibt Nathan wieder für die Zeitung, ist weiterhin mit der Philosophin verheiratet und vielleicht durch diese Dame ein wenig weise geworden. Er hat die Zärtlichkeit durch Beate für sich entdeckt.
Was will er mehr?
Damit kann er alt werden. Hypochondrisch, wie er ist, beobachtetet er mit seinen fünfzig Jahren natürlich fortwährend seinen körperlichen Verfall, ganz anders als sein Vater, der im Alter von achtzig beim Beischlaf mit seiner siebzigjährigen Geliebten einem Herzschlag erlag.
Nathan ist ein verwirrter Intellektueller seiner Zeit, ganz klar.
Empfehlenswert! Äußerst amüsant zu lesen!
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52 von 62 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Auf der Suche nach der verlorenen Lust..., 21. August 2007
Don Juan de La Mancha Oder die Erziehung der Lust.
Ein interessantes Thema mit einem Feuerwerk an Eröffnungssätzen (eigentlich wären die ersten Sätze allein schon 5 Sterne wert...).
Robert Menasse lässt Nathan seine Lebensgeschichte (in Therapiesitzungen mit Hannah) erzählen, parallel dazu lebt Nathan seine Liebesunfähigkeit in erste Linie mit der Geliebten aus (oder doch die Unfähigkeit zur Lust, unter der Voraussetzung der Unmöglichkeit der Liebe?). Ob der Name Nathan zufällig gewählt ist oder auf den Namensvetter aus zahlreichen Romanen Philip Roths (auf dessen Roman "Jedermann", wie auch auf John Updikes "Landleben" und Martin Walsers "Angstblüte" in diesem Buch hingewiesen wird- außerdem wird viel auf Peter Handke verwiesen) anspielen soll, lasse ich dahingestellt. Robert Menasses Nathan ist jedenfalls kein Schriftsteller, doch schreibt er für eine Zeitschrift. Weitere Parallelen sind auch vorhanden. Dieses Buch liest sich sehr gut, man findet viele grandiose Seiten. Erzählstränge wie die unglücklichen Liebesanbahnungen verscheidener Männer in Richtung Nathans Mutter sind sehr geglückt. Die politischen Jugendaktivitäten sind dann fast etwas künstlich aufgebauscht und eigentlich fast unnötig. Das Zusammentreffen mit seiner zukünftigen Frau dafür wieder sehr gelungen. Berührt hat mich das Buch jedoch komischerweise nie, obwohl ich es an einem Abend gelesen habe und es mich scheinbar auch in den Bann gezogen hat.
Menasses Prosa ist scharf, pointiert und nie billig, was bei einem so hochkarätigen Schriftsteller, und der ist Robert Menasse, Voraussetzung ist, wirkt jedoch hie und da wie (perfektes) Handwerk.
Fazit: sehr gute Lektüre, jedoch nicht zur Gänze überzeugend. Die Trilogie der Entgeisterung (Sinnliche Gewissheit, Selige Zeiten - Brüchige Welt und Schubumkehr) bleibt in meinem Robert Menasse Rating vorne.
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39 von 47 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
"Eine Sache in Worte fassen, heißt ihr die Kraft bewahren", 23. Oktober 2007
"und den Schrecken nehmen", so könnte man diese Menasses Therapie-Dialektik über Lust und Liebe in seinem neuen Roman mit Pessoas Worten (Das Buch der Unruhe, 27) beschreiben. Aber es ist mehr, was der Protagonist Nathan sucht, auch wenn er mit seiner subjektiv persönlichen Fassung über Liebe und Lust nicht allzu sorgsam umgeht und eher als Gefangener des Zeitgeistes gilt. Zumindest weiß man nicht unbedingt, was ihn treibt, merkt doch seine Therapeutin Hannah Singer direkt, ob er nur vorgibt, zu wollen. "Sie glaubt auch alles, was ich erzähle", überbringt Nathan als beredete Botschaft an den Leser und lässt diesen dann auch zweifeln an der Richtigkeit all seiner Erzählungen; Erzählungen, die mit doppeltem Zeitboden von erinnerter Kindheit und Jugend und aktuellem Leben bravourös verschachtelt sind. "Wir amüsieren uns zu Tode", Neil Postmans Botschaft in den 80ern, sein Sohn Andrew wusste wie Nathan mit den Frauen umzugehen. (Der Mann der wusste, was Frauen über Männer wissen wollen). Nun, Don Menasse scheint es ebenso wissen.
Scharfe Sache, die mit Chili gestartet wird und zu der direktesten Sex-Szene des Buches führt. Menasse (1954-) will zeigen, was Nathan für einer sein will, wenn er den Willen zum Sex einer Frau spürt, zölibatär! Mit dieser Christa verbindet ihn ein Leben zwischen ritualisierter Ehe und begehrter Geliebter. Nach diesem Opener geht es leichter zu, seine Erinnerung ist die Erinnerung der Post-68er und aller Ideen in diesem 20. Jahrhundert. Nathans Therapie wird in dieser Erinnerung ebenso an die Gründe der Jugend geführt und so erzählt er von frühen Weibergeschichten seines Vaters und dessen Lustreisen, an denen er nicht kindgerecht teilnehmen durfte; von der frühen Trennung der Eltern, er war acht, und von den seltsamen Bekannten und Freunden der Mutter, die zuhause auf Wollsocken ihn behütete und mit ihm auf Stöckelschuhen ihren Einladungen folgte. Nathan musste mit, damit seine Mutter die Wichtigkeit des Sohnes in den Vordergrund stellen konnte. Mit 18 bezog er eine Kellerwohnung, glaubhaft oder nicht, nicht ohne seines Vaters Ratschlag des Lebens: Jede Liebe hält einer Höhle stand und man ist glücklich mit der ersten Liebe oder für immer auf der Suche. Nathan ist sozialisiert im Sinne und im Dilemma der Zeit.
Menasse nimmt den Titel ernst, Don Juan, der Don Giovanni des Mozarts schwingt in der "Erziehung der Lust" hinauf zu Flaubert und über allem schwebt Casanovas Leichtigkeit der Verführung. Nathan erinnert sich an die Begegnungen mit Helga (der Aufklärungsfilm), die erste Liebe, mit der er die Erfahrungen mit Barbara, einer älteren Frau, (vgl. Daphne und Chloe) teilen wollte und doch war auch Helga schon eingeweiht in die intimsten Geheimnisse. So folgten getreu dem Muster seines Vaters die freie Anna, das Wunder Alice, Betty, die arbeitende Martina mir ihr auch eine Spontanhochzeit mit anschließender Hochzeitsreise, die genügend Zeit zuließ, sich die Strategie der Scheidung zu überlegen. "Ich hatte eine kiffende Frau unter einem Che-Guevara-Poster geheiratet und hatte nun das Imitat einer erwachsenen Gattin vor mir liegen". Wie immer: Männer erwarten, dass Frauen so bleiben wie sie sind und Frauen glauben, einen Mann ändern zu können. Beider Glaube hält keiner Erfahrung stand. Nathan entdeckt Gefühle für Martina, als sie ihn endlich verließ und weiß nun, "Man kann kein Mensch sein ohne einen anderen Menschen".
"Du bist, was du erzählst" resümiert Nathan und findet im Rückblick den psycho-historischen Orgasmus unter psycho-politisch-revolutionären Bedingungen für so wenig gelungen wie das Sexualverlangen als Fabrikdisziplin. Der bürgerliche Leistungsgedanke der Lust ist erregender als der feudale Anspruch auf Lust, die doch nur in Langeweile mündet. Zumindest stellt Christa als Quintessenz seines Traumes fest, dass Befriedigung ihm nicht genügt, sondern nur Erlösung. Was auch immer befreit wurde, die Liebe ist es nicht; sind seine Gedanken und damit kommt er erstmalig auf die Unterscheidung von Lust und Liebe; aber auch zur Feststellung, dass seine therapeutischen Einsichten sein Leben eingeholt haben, beide Seiten treffen sich in einer Sackgasse der kleinen Tode.
Nathan ist Journalist, mit den subjektiven Erfahrungen in dem Ressort "Leben" zuständig, mit dem Wissen: nah ran, scharf stellen, einen Schwenk; so wurde er eingewiesen in den Job, der Rest wurde Routine, wie sein Leben es war, und dieser Routine verdankte er sein Problem. Nathan ist Don Juan und zunehmend der Armselige de la Mancha. Er entpuppt sich als gnadenloser Egozentriker gepaart mit kalauernder Ironie, letztendlich als Konsument, als Konsument des weiblichen Körpers. Menasse rechnet ab mit der sexuellen Revolution, Erziehung der Lust ist der Weg zur Unlust, Depression, der Wiederkehr desselben. Die Tiefe der von Menasse angedeuteten Klassiker verschwindet im Seichten. Lust und Liebe werden zum Begriffspaar, welches nur außerhalb des Lebens Nathans vorkommt.
Exkurs: Es gibt den Körper und es gibt das Begehren. Die Liebe gibt es nicht, sie ist nur ein Geschöpf der Phantasie, an dem Faden der Metapher hängend. Erst die heiligen Metaphern sind es, die den Kopf verdrehen, das Begehren in ein Ereignis der Liebe verwandeln. Die Glut des Gefühls ist Einbildung, die Flügel der Sprache wachsen mit der gefiederten Seele. Die lyrische Passion, eine Imago der Liebe in den Worten der Dichter wie Yeats oder Petrarca. Das alles verband Petrarca mit seiner Laura. Und mit Petrarca wird "True Romance" verbunden, eine Ausstellung in Wien (2007), der Heimat des Robert Menasse. Vergingen die Metaphern, verging die Liebe. Die Lust vergeht bereits in der Verfügbarkeit des Alltags, wie Menasse deutlich macht.
Das "Leid der Klischeehaftigkeit der Welt" fördert Nathans Regression und endet in einer Fruchtwasserbadewanne, uterus ex corpus, in der wunderbaren Sentenz reflektierend: "Praxis theoretisch, Enttäuschung real". Dem Chili folgt der Meerrettich im überraschend inszenierten Abschied Christas von Nathan. Beate, seine Frau, erscheint im Rot der Liebe.
Menasse beschreibt den Zustand Nathans als an einer Grenze stehend, der Todeszone mit dem letzten Quäntchen Angst, diese zu überwinden. In der leichten, einfachen Form, hinter den Zeilen entdeckt der Leser philosophische Einsicht, sie scheint die des Autors gegenüber sich selbst zu sein. Wer Menasse kennt, wird einen Abstand zu anderen Werken feststellen. Doch die Idee der Einfachheit entspricht der Indifferenz und der Gleichgültigkeit zur Existenz des unglücklichen Sex-Nomaden. Sein Verhalten zur Lust ist dem Worte nach absurd. Er weiß, dass der Genuss den Tod der Begierde bedeutet. Nathan wirkt in Bezug auf sein Leben noch als gleichgültiger Existentialist, der im zweiten Teil des Lebens die Angst, den Grenzübertritt zu wagen, abstreifen wird und sein Ich in seine Welt integriert. Ab diesem Punkt wird Lust nur noch zärtlich sein, "Lust nur noch oral sein". Die Begierde gehört dem Leben wie das Reden, Reden, Reden darüber. Die Einsicht von Grenzen lässt aus Lust mögliche Liebe werden. Der Kampf gegen Windmühlen ist für Nathan zu Ende, jetzt wo kein Wind mehr weht. Die Pirsch des Helden der Verführung Don Juan und des Helden der Lächerlichkeit und Ironie Don Quichotte de la Mancha ist zu Ende; zuweilen ist er unglücklich im Glück des unerlösten Lebens.
Menasse schließt seinen ereignisreichen Roman mit einem letzten egozentrischen Blick: er in einem Bild zwischen all den Frauen. Aber mit dem großen Pessoa machte er alles noch einmal, nur anders.
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