Wenn Joy Fleming mit ihrer unglaublichen Blues-Röhre besingt, wie ihr "Kall" wieder "iwwer di Neckarbrick" durchgebrannt ist, dann ist das perfekt. So muss Blues sein: Aus tiefster gequälter Seele, hemmungslos und traumwandlerisch sicher in ihrem Element. Schwärzer geht das nicht, und wenn man einen Beweis hören will, dass das Deutsche Blues- und Soul-tauglich ist, dann hat ihn Joy Fleming erbracht. Das heißt -- nicht das Deutsche hat sie als Blues-tauglich etabliert, sondern das allerbreiteste Monnemerisch -- das ist schon ein Unterschied, wie man auf dieser CD leider auch hören kann. Sie sollte die Finger, bzw. die Stimmbänder vom Hochdeutschen lassen und öfter das tun, was sie kann wie keine zweite: Monnemer Blues, hemmungslos und ohne Rücksicht auf Verluste: "Mannemer Dreck", "Kall, oh Kall" und natürlich der Neckarbrückenblues sind Nummern, die nach leistungsfähigen Lautsprechern und abwesenden Nachbarn buchstäblich schreien.
Wenn sie sich hingegen im Hochdeutschen versucht, sind die Ergebnisse durchwachsen: Ihre Coverversion von "Fever" ("Fieber") hat zweifellos Klasse, aber andere Songs (z.B. "Halbblut", "Meiner ist so einer" und andere Coverversionen) wirken ein wenig gekünstelt, passen nicht recht zur Stimme. Sicher, den Rhythmus hat sie auch hier, das Stimmvolumen sowieso -- aber irgend etwas fehlt. Man hört deutlich, dass sie sich in dieser Sprache nicht wohlfühlt. Joy Fleming braucht den Dialekt, um zur Höchstform aufzulaufen, und das sollten ihre Songschreiber berücksichtigen.
Vor allem aber sollte Joy Fleming sich nicht mit Schlagern abgeben -- dazu sind andere besser geeignet. Einer ihrer bekanntesten Hits, "Ein Lied kann eine Brücke sein", beweist das allzu nachdrücklich. Ihre dermaßen unverkennbare Stimme ist mit solchen Melodien schlicht unterfordert, mehr noch: eingeengt, kanalisiert. Sie hat keinen Freiraum für wildes Timbre und ungebremsten Weltschmerz.
Was aber wirklich überflüssig ist auf dieser Zusammenstellung, das sind die letzten vier Tracks: Joy Flemings Versionen von "Bad, Bad Leroy Brown", "Alabama Stand By", "Superstition" und "Bridge over Troubled Water" ertrinken kläglich in einem Nullachtfuffzehn-Bigband-Klangteppich. Dass sie stimmlich allemal in der Lage wäre, hier erstklassiges abzuliefern, steht außer Frage (und den amerikanischen Akzent hat sie sich auch gut abgelauscht bei den GIs). Hätte man sie nur solo losbrettern lassen, von einer kleinen, exquisiten Combo begleitet! Aber so... Nein, so nicht.
Joy Fleming und ihre Wahnsinns-Bluesröhre -- nein, diese Stimme muss man nicht mehr kommentieren, die ist perfekt. Allerdings beweist diese CD leider, dass sie wählerischer in der Wahl ihrer Zulieferer sein sollte.