Als die deutsche Rock-Musik Ende der 60er Jahre laufen lernte, blieben vier junge englische Rock-Musiker in Deutschland hängen, weil ihnen das Geld ausging. Mit kleinen Club-Gigs hielten sie sich über Wasser, verschwanden kurzfristig in die USA, nahmen dort ein Album auf, das nie erschien, kehrten nach Deutschland zurück und mieteten sich um 1970 ein Bauernhaus bei Seeheim im Odenwald, um in der malerischen Umgebung ein neues Projekt aus der Taufe zu heben. Das war die Geburtsstunde von NEKTAR. Das Konzept war, zeitgemäß, eine progressive Band mit Fokus auf einen elektronisch-experimentell ausgerichteten Sound (nach den damaligen Möglichkeiten) und Integration einer spektakulären Light-Show, für das extra zwei zusätzliche Band-Mitglieder integriert wurden.
Und das ist auch genau das, was das erste, offizielle NEKTAR-Album hier darstellt: "Journey to the Centre of the Eye" ist eine (insgesamt gelungene) phantastische Reise durch eine textlich eher etwas unausgegorene Science-Fiction-Story, einen erzählenden, psychedelischen Klang-Kosmos mit den der Band damals zur Verfügung stehenden musikinstrumentalen Möglichkeiten:
Hammond-Orgel,Gitarre, Mellotron, Drums, Bass, Vocals & jede Menge Hall- und Echo-Effekten.
Dabei gelingt es NEKTAR durchaus, ein homogenes Soundbild auf die Reihe zu bringen & (wenn man die ersten Sekunden der CD, die verdächtig nach PINK FLOYDs "Interstellar Overdrive" von 1967 klingen, abwartet!) sowas wie einen eigenen Stil zu schaffen. Mit den damals nicht sehr üppigen Möglichkeiten schaffen sie ein tolles, zeitgemässes Psychedelic-/Space-Rock-Opus, das einen wirklich gefangen nimmt, und einige sehr starke Passagen enthält, die heute durchaus auch von Bands wie PORCUPINE TREE sein könnten.
Leider ist das Ganze wie ein Konzept-Album aufgebaut, d.h. es fehlt die klare Abgenzung von einzelnen Tracks (Ich kann daher hier auch keine Einzelkritiken zu den Titeln abgeben). NEKTAR wollten ganz klar das ihr Projekt als Ganzes wahrgenommen und gehört wird. 1971 war das sehr legitim und hipp - heutzutage wird sich dafür aber wohl im Rock-/Pop-Lager kaum jemand die Zeit nehmen wollen.....Sollte man aber, denn nur dann kann man begreifen, worin der Reiz dieser oft geschmähten, aber dennoch seinerzeit innovativen und auch irgendwie faszinierenden Band liegt!-
Dieses Werk hat für mich den Reiz des Einmaligen - mit dem Folgealbum verließen NEKTAR (wohl auf Drängen der Plattenfirma, die einen DEEP PURPLE-Klon wollte) den eingeschlagenen Weg. Sehr schade, denn mit etwas Erfolg und neuen Ideen hätten NEKTAR schnell zur besten deutschen Experimental-Prog-Truppe ihrer Zeit neben AMON DÜÜL 2 werden können. So kam erst 1974 mit "Remember the Future" ein ähnliches, wenngleich einfacher konzipiertes Space-Rock-Album heraus, das zwar sehr erfolgreich wurde, aber den elektronisch-abgespaceten und stimmungsmäßig einmalig melancholischen Charakter dieses Erstlingswerk nicht mehr erreichte.
NEKTAR pendelten so über die Jahre immer zwischen Kommerz und Experiment, fanden nie ihre echte, musikalische Identität und gingen mit der 1. großen Welle progressiver Rockmusik Anfang der 80er Jahre im Punk- und New-Wave-Getümmel zunächst einmal unter.
Geblieben ist dieses phantasievolle, experimentelle & fesselnde Kleinod:
"Journey to the Centre...." kommt ohne technologischen Großkampf-Bombast ala AYREON prima zurecht - Herr Lukassen kann hier von englisch-deutschen Immigranten der 1.Stunde lernen, wie man mit einfachen Mitteln einen überzeugenden, großartigen Weltraum-Sound auf die Beine stellt!-
Orientierungshilfe für Interessierte: Wer mit den frühen PINK FLOYD-Alben ("Piper at the Gates...."/"A Saucerfull of Secrets"/"Ummagumma") etwas anfangen kann, der wird dieses Album lieben!.
4 Sterne mit dem allergrößten Respekt!
PSYCHEDELIC SPACE-ROCK IS STILL ALIVE!