Was zeichnet einen guten journalistischen Text aus? Mit welchen Techniken können Journalisten im Spannungsfeld zwischen den Interessen derer, über die sie berichten, und derer, für die sie berichten, ihre eigene Sprache finden?- Diesen Fragen geht das Lehrbuch „Journalistisches Texten" von Jürg Häusermann nach, das im Frühjahr 2001 in einer umgearbeiteten Fassung bei der UVK Verlagsgesellschaft in der Reihe „praktischer Journalismus" erschienen ist.
Das Buch folgt dem Hauptgedanken und gleichzeitig dem roten Faden, dass gute journalistische Texte aus einer sicheren journalistischen Position heraus entstehen: Journalistisches Texten bedeutet laut Häusermann, die Positionen der Beteiligten zu erkennen und selbst Position zu beziehen. Sprache interpretiert immer und kann nicht vollständig neutral erscheinen.
Über ein und dasselbe Ereignis werden meistens sehr unterschiedliche Nachrichten übermittelt. Die Überschriften „461 ,Illegale' an Bord" , „600 Menschen auf stürmischer See ihrem Schicksal überlassen" und „400 Kurden nach Italien gebracht" sind alle am selben Tag erschienen, rücken aber jeweils verschiedene Akteure ins Zentrum und verschweigen andere.
Häusermann liefert in jedem der fünf überschaubaren Kapitel Positiv- und Negativbeispiele aus den Zeitungen der letzten Jahre und stellt Sprachtechniken und -übungen vor. Das einleitende Kapitel behandelt den journalistischen Stil, dem unter anderem die Aufgabe zukommt, „die Menschen in die Texte zurückzuholen". Das zweite ist dem Umgang mit fremder Rede, dem Zitieren, gewidmet. Im dritten Kapitel zeigt Häusermann wie fachspezifische Informationen verständlich vermittelt werden können und im vierten gibt er Anregungen wie der Leser durch Einstiegshilfen wie Bilder, Überschriften und Leads zum Lesen motiviert werden kann. Das fünfte Kapitel schließlich enthält Tipps für verschiedene Formen der konstruktiven Textkritik.
„Journalistisches Texten" liefert gestandenen Journalisten Denkanstöße für ihren Berufsalltag, in dem sie immer mit fremden Texten konfrontiert werden, die sie sich zu eigen machen müssen. Die anschaulichen Beispiele und der bewusste Umgang mit Fachtermini, machen das Lehrbuch auch für Laien gut lesbar und für angehende Journalisten interessant.
Jürg Häusermann ist seit 1993 Professor für Medienanalyse und Medienpraxis an der Universität Tübingen und verfügt über langjährige Erfahrung in der journalistischen Ausbildung.
(Rezension von Meike Meyer, Deutscher Fachjournalisten-Verband e. V.)