- Gebundene Ausgabe: 214 Seiten
- Verlag: Edition Epoca (1998)
- Sprache: Deutsch
- ISBN-10: 3905513102
- ISBN-13: 978-3905513103
- Größe und/oder Gewicht: 21,8 x 13,9 x 1,9 cm
- Amazon Bestseller-Rang: Nr. 1.127.558 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)
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Produktinformation
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über Madeleine
Boves «Journal geschrieben im Winter»
Ein Mann schreibt einen Winter lang das Tagebuch seiner Ehe, viviseziert dabei, offenbar in der Absicht, sich über den Zustand dieser Verbindung klarzuwerden, das intime Verhältnis zu seiner Frau. Doch der damit wohl anvisierte therapeutische Effekt verpufft in geradezu koketter Selbstdarstellung. Der Held dieses zuerst 1930 in Frankreich erschienenen Romans heisst Louis Grandeville; wie bald alle Figuren Boves ist er ein skrupulöser Leidensakrobat und richtet von daher den Blick zuallererst auf sich selbst. Kein Wunder, dass er das Tagebuch als Medium wählt, denn niemand ausser ihm selbst vom Romanleser freilich abgesehen könnte seine subjektiven und sehr emotional vorgebrachten Analysen auf die Dauer ertragen: also auch und gerade Madeleine nicht, seine Frau, über deren «Anderssein» er unaufhörlich spekuliert.
Zwischen diffusem Reflexionssnobismus und eitlem Selbstgerechtigkeitsgefasel verliert Grandeville immer wieder den Überblick. Dilettantisch bramarbasiert der Hobby-Psychologe über Madeleines Seelenzustände, erregt sich leidenschaftlich, wenn er sich von ihr missverstanden fühlt, spekuliert über die Motive ihrer Zu- oder Abneigung und entblösst sich in seiner narzisstischen Wut nur selbst. Aus den grössten Kalamitäten zieht dieser Mann «in den besten Jahren» nur den Stoff für weitere selbstgerechte Hypothesen. «Dass sie meinetwegen litt, brachte mir Erleichterung», so ein typischer Satz aus der Feder des Protagonisten, oder: «Ich habe die Eigenheit, die Wahrheit zu leugnen, wenn ich mich im Beisein einer Frau als der Stärkere fühle.» Durch das irrwitzige Machtstreben Grandevilles, den unverhohlenen Versuch, über Madeleine die Oberhand zu behalten, werden die Grabenkämpfe der beiden nur verschlimmert. Andauernd gerät er mit ihr aneinander, und doch kann er die beidseitigen Verwundungen, für die ausschliesslich er verantwortlich ist, nicht einmal mehr durch das Führen des Tagebuchs sublimieren. Nackt ist der Bovesche Held; ausgezogen hat er sich selbst.
Ein Roman also, der in die Welt unserer Selbstinszenierungen passt. Aber Vorsicht! Die hier gebotenen Szenen einer Ehe sind ebenso destruktiv wie dekonstruktiv und über weite Strecken von einer gnadenlosen Reduktion. Bove hat die männliche Optik der Dinge an keiner Stelle in seinem Werk so deutlich als eine lächerliche Strategie der Verkennung offengelegt. Im Gegensatz zu den tragischen, irgendwo aber auch schrullig bleibenden Figuren anderer Romane (Victor Bâton in «Meine Freunde», Arnold in «Die letzte Nacht» usw.) ist Grandeville zu keinem Zeitpunkt als Sympathieträger zu orten, schon gar nicht als Identifikationsfigur. Man wünschte ihm dringend die Katharsis, auf die er insgeheim vielleicht hofft, und wenn sie nur so aussähe, dass seine vor allem durch Eifersucht und Überlegenheitsstreben eingeschränkte Sicht endlich wieder neu justiert würde.
Nein, Grandeville, ein Gefangener seiner Rhetorik und seiner selbstquälerischen Beflissenheit, kann dieses selbst initiierte Spiel nicht mehr beenden. Folgerichtig ist es Madeleine, die definitiv den Schlussstrich zieht und ihren Mann am Ende verlässt, übrigens mit dem Hinweis, dass sie einen anderen liebe. Grandeville, der glaubte, die Menschen und allen voran Madeleine zu kennen, fällt aus allen Wolken; zurück bleibt eine lächerliche Figur wie bei Molière, ein Hahnrei, letztlich eine verschrumpelte Karikatur, ein Opfer des törichten Irrtums, über den anderen je ein Urteil fällen zu können.
Thomas Laux -- Neue Zürcher Zeitung
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