Zuerst mal habe ich keine Ahnung, was die andauernden Vergleiche mit Holy Bible sollen - diese wird ja von der Band selbst als ihr Meisterwerk gepriesen und von Musiktheoretikern als innovativ gefeiert, aber das war es dann auch schon. Es hat den Anschein, als würde man mit Erwähnung dieses Albums kurz den Manics-Kenner geben müssen, um dann von der neuen Scheibe irgendwelche obskuren Innovationen zu erwarten. Und wenn Bloc Party und co. demnächst Stockhausen nachspielen wollen, na und?, die Manic Street Preachers müssen nichts mehr beweisen, und zum ersten Mal seit 15 Jahren klingen sie nun auch endlich so!
Wer sie zur Zeit von Generation Terrorists und Gold Against The Soul live gesehen hat, dem dürfte aufgefallen sein, wie verkrampft sie seither musikalisch zu Werke gingen. Zuerst, als sie mit Holy Bible gegen den von ihnen selbst tatkräftig unterstützten Hype angekämpft haben, später, als sie mit Everything Must Go und This Is My Truth versuchten, den Verlust von Richey zu verarbeiten und ihren Stil als Trio zu finden, danach ging es doch nur noch darum, irgendwie "relevant" zu bleiben. Bezeichnend, dass Lifeblood, das noch am ehesten so klang, als würden sie sich auf ihr Gefühl verlassen anstatt Erwartungen zu bedienen, der grösste kommerzielle Flop und danach schnellstens zum Fehler erklärt wurde, mit dem man ja nie richtig zufrieden gewesen sei. So ging Send Away The Tigers danach auch bis zur Schmerzgrenze auf "Nummer sicher".
Und jetzt kommt dieses Journal For Plague Lovers, klingt von Anfang bis Ende nach Manic Street Preachers, klingt nach Generation Terrorists, Gold Against The Soul und Holy Bible, ohne von diesen zu kopieren, hat tolle Melodien, ohne in den Pathos a la If You Tolerate This und A Design For Life abzudriften, gibt bis auf das Lou Reed-artige William's Last Words dreizehn Tracks lang souverän genau das, was die Manics am besten können, und es soll musikalisch kein Höhepunkt ihrer Karriere sein?
Für mich ist Journal For Plague Lovers ein Highlight, das mit allen bisherigen Manics-Alben mithalten kann und die neuesten Veröffentlichungen von Künstlern mit ähnlich langer Diskographie, z.B. Morrissey, Therapy?, Depeche Mode (die ich alle sehr verehre) übertrifft.
Auf der Scheibe finden sich überwiegend Uptempo-Stücke, die poppig, melancholisch und hymnenartig daherkommen, es wird an keinem Punkt doof gehardrockt oder zu poppig und seicht, und überall finden sich sekundenlang kleine Referenzen, die manchmal an eigene Songs zu Generation Terrorists-Zeiten (Me And Stephen Hawking) oder Gold Against The Soul-Zeiten erinnern (Bag Lady), manchmal an TV-Themes wie Magnum (Peeled Apples), a Stephan Eicher (This Joke Sport Severed) oder Cure (Journal For Plague Lovers).
Lieblingsplatte 2009!