Edgar Hilsenrath, geboren 1926 in Leipzig, hat eine beinahe typische jüdische Odyssee durch eine grausame Epoche der Geschichte hinter sich. Über Rumänien (Bukowina), wo seine Großeltern als streng orthodoxe Juden lebten, durch ein jüdisches Ghetto in der Ukraine, über Palästina gelangte er 1951 in die USA. 1975 kehrte der Schriftsteller nach Deutschland zurück. Er hat diese Zeit erlebt und erlitten und weiß wie kaum ein anderer davon zu erzählen.
Sein großes, beeindruckendes Werk ist mittlerweile in einer schönen 11-bändigen Ausgabe erschienen. Diese Werkausgabe dokumentiert nicht nur das Schaffen des Edgar Hilsenrath. Sie ist auf vielfache Weise ein Dokument gegen das Vergessen. Hilsenrath erinnert wie Manes Sperber, wie Isaac und Israel Singer an eine untergegangene jüdische Welt, die er mit seinen Romanen, Erzählungen und Geschichten für die Nachwelt wieder zum Leben erweckt. Denn man konnte zwar die Menschen töten, nicht aber ihr Geschichten.
Exemplarisch wird dies deutlich in dem wunderbaren Buch "Jossel Wassermanns Heimkehr". Es erzählt von Jossel Wassermann, ein erfolgreicher Matzenfabrikant im fernen Zürich, der im Spätsommer 1939 und am Ende seines Lebens sein Testament macht. Er erinnert an das jüdische Schtetl in der Nähe von Czernowitz, von den Menschen seiner Heimat, die er vor vielen Jahren verlassen hat. Der vermeintlich assimilierte Jude wird sich seiner Herkunft und seiner unverbrüchlichen Bindung an die Traditionen seines Volkes bewusst. Und so beauftragt er seine Anwälte damit, nach seinem Tode nicht nur für die Testamentsvollstreckung zu sorgen, sondern auch dafür, dass er wenigstens im Sarg in seinem Heimat zurückkehren wird.
Um diesen Wunsch zu begründen, aber auch um dem Tod ein Schnippchen zu schlagen, denn wer erzählt, lebt noch, erzählt er heiter und gelassen und mit zunehmender Begeisterung vom Leben im Schtetl, von seinen Ahnen wie Reb Mordechai und seiner Frau Jette. Er erinnert sich der Schenke des Leib Wassermann, in der einst Kaiser Franz Josef auftauchte, sich an einem jüdischen Salzhering verschluckte und von Jossels Großmutter dadurch gerettet wurde, dass sie ihm den Fisch aus der Kehle zog.. Als Dank gewährte der Kaiser den Juden die vollen bürgerlichen Rechte. Geschichten also, die kein Ende nehmen, Geschichten voller Trauer und hintergründigem Witz - vom Wasserträger Jankl und seiner Liebe zu Rifke, dem Jossel ein Teil seines Vermögens vermachen wird, von der schwachsinnigen Resele, vom Friseur und der Einlauffrau, von Heiratsvermittlern und Thoraschreibern und von vielen anderen Schtetlbewohnern unterschiedlichsten Charakters.
Über allem aber liegt schon der Schatten kommender Ereignisse und die Geschichte nimmt ihren grausamen Verlauf. So wird Jossel seine Heimat nicht mehr erreichen. Und doch bleibt auch ein Gran Hoffnung, es bleiben Heiterkeit und Leben. Es bleiben die Geschichten. Und Edgar Hilsenrath hat sie auf unnachahmliche Weise erzählt.