Diese Einspielung von Händels Oratorium "Joshua" ergibt für mich auch nach mehrmaligem Anhören einen zwiespältigen Eindruck und ist wohl nur als Zweiteinspielung und vor allem für Fans des hervorragenden Kölner Kammerchors zu empfehlen. Das Dirigat von Peter Neumann, der wohl eine beachtliche "Athalia", einen interessanten "Saul", einen überaus hörenswerten "Belshazzar" und eine sehr schöne "Susanna" eingespielt hat, sich aber schon bei seiner Live-Aufnahme der "Theodora" in Sängerauswahl und Dirigat sehr enttäuschend und mediokrit gezeigt hatte, wirkt hier akademisch und uninspiriert. An vielen Stellen kommt die Schönheit der Händel'schen Musik nicht zum Vorschein, da Neumann oft metrisch und orchestral undurchsichtig herunterdirigiert. Beispielsweise hört man etwa bereits im ersten Choreinsatz wichtige Begleitfunktionen des Orchesters und Akzente der Violinen nur schwammig im Hintergrund, während etwa bei Robert Kings Londoner Einspielung von 1991 ein unendlich farbiges, akzentuiertes und lebendiges Orchsterspiel dargeboten wird. Das setzt sich so von Szene zu Szene fort. Auch die berühmte von der Violine begleitete Nil-Szene der Achsah, die zu einer der schönsten und berührendsten Händel Arien überhaupt gehört, läßt einen hier kalt. Die koreanische Sopranistin Myung-Hee Hyun, obwohl über eine beachtliche Stimmführung verfügend, singt auf dieser vorliegenden Aufnamhe fade, unmusikalisch und belanglos, ist eine Fehlbesetzung. Selten habe ich - trotz schönem Stimmklangs- eine derart unberührende, unbeholfene und unpassende Händelsängerin erlebt wie hier. Sie wird der musikalischen und gestalterischen Schwierigkeiten dieser Arien einfach in keinster Weise gerecht. Händel hat für sein Oratorium "Joshua" gleich mehrere der anrührendsten Sopranarien überhaupt geschrieben, unendlich filigran und zerbrechlich. Wer diese Rolle der Achsah angemessen interpretiert wissen will, muß schon zu Emma Kirkbys unübertroffener und unglaublich berührender sowie differenzierten Interpretation unter dem Dirigenten Robert King greifen. Diese Aufnahme, welche bei dem englischen Label "Hyperion" herauskam, ist eine der schönsten Oratorieneinspielungen von Händel überhaupt, eine absolute Referenz und stellt somit Neumanns Lesart ohnehin in den Schatten. Einzig der souverän und klangschön singende Kölner Kammerchor macht die vorliegende Einspielung hörenswert. Der gewohnt warme Chorton, musikalisch geführt, bringt einen Lichtblick in die sängerisch und orchestral sonst eher durchschnittliche Aufnahme. Dieses bringt auch Peter Neumanns Rang als kompetenter Chorleiter wieder in ein angemessenes Licht. Auch der Tenor James Gilchrist und Altus Alex Potter singen solide und ansprechend, einzig der Baß von Konstantin Wolff sticht durch Stimmschönheit und Wortverständlichkeit sowie auch durch musikalisches Phrasieren hervor.