Wilhelm von Sternburg erzählt das Leben des Josef Roth, bringt Licht in das von Mythen durchflochtene Selbstbildnis des wohl großartigsten deutschsprachigen Erzählers des letzten Jahrhunderts. Er erzählt dieses Leben ohne jegliches Pathos, packend und kenntnisreich, fällt nicht auf die vielen Legenden herein, die sich um dieses Leben spinnen, sondern er stellt in seinen versierten Lebensbeschreibungen das Werk Joseph Roths in seinen historischen Gesamtzusammenhang und verknüpft darin in umfassender Recherche ermittelte Details aus dem wechselhaften, leidenschaftlichen, zerrissenen und schließlich erschütternden Leben dieser diffizilen Persönlichkeit.
Vor siebzig Jahren ist Joseph Roth, der seine Wurzeln immer zum Gegenstand von undurchsichtigen Mystifikationen gemacht hat, sicher nicht nur als verlorener Trinker am Alkohol, sonder auch an der Verbitterung und Verzweiflung über dieses Europa, dass nicht in der Lage gewesen war ein Heilmittel gegen den Faschismus zu finden, gestorben. Roth berichtet von einer durch Armut gekennzeichnete Kindheit, die er bei seiner, einer jüdischen Kaufmannsfamilie entstammenden, Mutter verbrachte, während sein Vater, der aus einem orthodox-chassidischem Umfeld stammte, sein Leben in einer Anstalt für Geisteskranke verbrachte. Im orthodoxen Judentum Galiziens galt der Wahnsinn als Fluch Gottes.
Das Leben des Joseph Roth war sicher so spannend, so verdreht, so anrührend und traurig, wie seine großen Romane und Erzählungen, die sicher zu den schönsten gehören, was die deutsche Literatur im 20. Jahrhundert hervorgebracht hat. Ich denke dabei an "Radetzky Marsch", "Beichte eines Mörders", "Der Leviathan", "Die hundert Tage", "Die Büste des Kaisers", "Kapuzinergruft" oder die "Legende des heiligen Trinkers", um nur einige zu nennen. Durch all seine Romane und Erzählungen zieht sich der Vaterverlust und als Metapher der Verlust des Vaterlandes wie ein roter Faden. Und obwohl Roth, Pazifist, engagierter Sozialist, talentierter Polemiker, befähigter Propagandist, Legendenerzähler und freizügiger Ethiker war, der sich zur untergegangenen K und K Monarchie bekannte und entsprechend einem exzessiven Katholizismus frönte, legt von Sternburg besonderen Wert auf den jüdischen Joseph Roth und arbeitet seine Wurzeln im Ostjudentum auf. Dabei gehört die Schilderung von Roths journalistischer Karriere ebenso zu den Glanzpunkten dieser Biografie, wie die bitteren Jahre der Emigration, die publizistischen Attacken gegen die Nazi-Herrschaft und die Nervenerkrankung seiner Ehefrau Friedl, durch die Roth in eine tiefe Krise stürzte, finanziell und gesundheitlich, denn er begann zu trinken und körperlich zu zerfallen.
Es kam Roth in seinem Leben und in seinen Werken nicht auf die Wirklichkeit an, sondern auf die innere Wahrheit und in Kenntnis dieser Maxime sind sowohl seine vom Autor ausgearbeiteten Beziehungen und Gedanken zu Heine, Kleist, Zweig oder Kafka, seine lebenslange Odyssee sowie seine heimatlose Unbehaustheit zu verstehen. Merkwürdigerweise unterschlägt von Sternburg, bei seinen dezenten Richtigstellungen des unberechenbaren Roth, dass dieser ein ganz rabiater Anti Zionist war, der Zionismus als Rassismus bezeichnet hat.
Wie dem auch sei, es ist eine große, wunderbare Roth Biografie, fesselnd erzählt, die sicher bei vielen Lesern den Wunsch weckt wieder Joseph Roth zu lesen oder mit einem Diogenes Hörbuch zu genießen.