Man lernt Joseeph Goebbels in dieser Biografie in vorwiegend drei Rollen kennen. Im ersten Teil, überschrieben "Aufstieg um jeden Preis" und die Jahre von 1897 - 1933 umfassend, wird der Weg des gescheiterten Intellektuellen und Schriftstellers zum Agitator der NS-Bewegung verfolgt. Als Einstieg wird das Jahr 1923 gewählt, welches Goebbels als Gescheiterten und Verzweifelten sieht. Trotz Studiums und Doktortitel waren seine Pläne, als Schriftsteller oder Journalist zu arbeiten, am eigenen Unvermögen und an den Zeitumständen gescheitert. Er befand sich in einem schweren Konflikt mit seinen katholischen Glauben und war auf der Suche nach einer Erlöserfigur, die er nach einigen Umwegen schliesslich in Adolf Hitler fand. Nach seiner Ernennung zum Reichspropagandaleiter im Frühjahr 1930 begann er den Propagandaapparat der Partei zu zentralisieren und steuerte mehr und mehr die grossen Wahlkampagnen, die die NSDAP in den Jahren 1930 - 1932 zur Massenbewegung werden ließ.
Im zweiten Teil, überschrieben "Kontrolle der Öffentlichkeit unter der Diktatur" und die Jahre 1933 - 1939 umfassend, werden seine Bemühungen nachgezeichnet, Medien , Kulturleben und Öffentlichkeit im "Dritten Reich" einheitlich auszurichten. Der Autor macht deutlich, dass Goebbels Erfolge in den Kernbereichen der Medienlenkung von sehr fragwürdiger Natur waren. Die betrifft z.B. den Rundfunk. Bereits Mitte der dreißiger Jahre hatte er die Vorstellung aufgegeben, dieses moderne Medium vorrangig zu einem politischen Führungsintrument auszubauen. Die Tatsache, dass jeder Hörer jederzeit auf einen Auslandssender umschalten konnte, setzte diesem Ziel Grenzen. Und so nutzte er das Medium vor allem, um den allgemeinen Bedürfnis nach leichter Unterhaltung Rechnung zu tragen. Ein ähnliches Bild ergibt sich bei der Filmproduktion. Obwohl er seine Kontrolle bis zur persönlichen Einflussnahme von Besetzung und Drehbüchern ausdehnte, waren weder er noch Hitler mit der Mehrzahl der Filme zufrieden. Schliesslich musste sich Goebbels auch auf diesem Gebiet weitgehend mit billiger Unterhaltungsmassenware zufrieden geben, die weit hinter seinem ursprünglichen ästhetischen, wie politisch- propagandistischen Ansprüchen zurück blieb.
Der dritte Teil des Buches, überschrieben "Krieg - totaler Krieg - totaler Untergang" und die Jahre 1939 - 1945 umfassend, konzentriert sich auf seine Rolle als Kriegspropagandist und Agitator des "totalen Krieges". Im September 1939 war von einer Kriegsbegeisterung in Deutschland wenig zu spüren. Die Propaganda hatte das Thema Frieden in den vergangenen Jahren so stark strapaziert, dass ein plötzliches Umsteuern nicht möglich war. Goebbels verstand es als Redner aber, ein positives Kriegsbild bei der Bevölkerung zu erzeugen - die schnellen militärischen Erfolge halfen ihm dabei. Doch bald geriet der Krieg ins Stocken. Nun ging er daran, die Volksstimmung dem Ernst der Lage anzupassen. Künftig sollte zu grosse Euphorie in der Propaganda vermieden werden, die Bevölkerung hatte sich auf einen langen Krieg mit erheblichen persönlichen Härten einzustellen. Seine spektakuläre Proklamation des "totalen Krieges" sollte von den Sorgen um die Kriegslage ablenken und Kritik und Unmutsäusserungen als defätistisch erscheinen lassen. Das Ende Goebbels und seiner Familie ist hinlänglich bekannt. Indem er seinem Idol Hitler in den Selbstmord folgte, hatte er selbst den Schlusspunkt einer jahrzehntelangen ideologisch verblendeten Idealisierung und Selbstinzenierung gesetzt - der Rolle seines Lebens.
Fazit: In Anbetracht der bereits erschienenen Goebbels-Biografien ist es sicher für jeden Autor schwer, noch neue Akzente zu setzen, oder gar neue spektakuläre Details zu bringen. Peter Longerich versucht dies auch gar nicht, sondern konzentriert sich darauf, den aktuellen Stand der Forschung umfassend darzustellen. Daraus ist ein Buch von über 900 Seiten entstanden, was den Leser mit seiner Materialfülle manchmal fast "erschlägt". Gleichwohl ist ein Zeitdokument entstanden, was interessante Einblicke in die Person Goebbels und seiner Zeit gewährt - und dabei mit mancher Legende und manchem Mythos aufräumt.