In der Biographie „Joseph Mengele- Der Arzt von Auschwitz" geschrieben von Ullrich Völklein wird die ganze Lebensgeschichte Josef Mengeles detailliert von der Geburt bis zum Tod beschrieben. Das Ziel des Autors ist jedoch nicht vorrangig die möglichst genaue Beschreibung der grausamen Experimente Mengeles, was zwar die Sensationslust der Boulevardmagazinfans befriedigen würde, aber Josef Mengele nur sehr einseitig, als das Monster schlechthin zeigen würde. Nein diesen Weg hat Ullrich Völklein nicht gewählt. Er versucht die Persönlichkeit Mengele von möglichst vielen verschieden Seiten zu beleuchten, bleibt dabei aber stets sehr objektiv und versucht dem Leser die Möglichkeit zu lassen sich seine eigenen Gedanken zum „Arzt von Auschwitz" zu machen. Um diesen Effekt zu erzielen arbeitet er zum Beispiel mit sehr vielen Zitaten und Zeitzeugenberichten unterschiedlichster Personen, mit denen Mengele im Laufe seines Lebens zu tun hatte. Da wären natürlich die Zwillinge, die seine „medizinischen Studien" überlebten und andere Gefangene, sowie Mittäter von Auschwitz, Freunde, Familienangehörige usw. und nicht zu vergessen: natürlich Mengele höchstpersönlich. Völklein verwendet außerdem sehr verschiedene Quellen. So findet man im Literaturverzeichnis sowohl die Autobiographie des Kommandanten von Auschwitz, Rudolph Höss, also eine Aufzeichnung aus jener Zeit, die aus Sicht der Täter verfasst wurde, als auch ein Buch mit dem Namen „Menschen in Auschwitz", welches das Leben im Konzentrationslager aus Sicht der Inhaftierten beschreibt, um hier nur ein Beispiel zu nennen. Soweit ich es beurteilen kann hat der Autor auch eine gute Recherche betrieben, was man erstens an der, wie eben schon angemerkt, umfangreichen Literaturauswahl, wie auch daran, dass er, so mein Eindruck, in alle Richtungen recherchiert hat, merkt. Als Beispiel hierfür kann man unter anderem zwei Gedichte nennen, die nach seiner Flucht Ende des Krieges von Mengele verfasst wurden, sowie sehr viele Zeugenaussagen, die aus dem Ermittlungsverfahren gegen Mengele stammen. Der Grund, wieso der Autor so viele verschiedene Informationsquellen heranzieht ist, dass er Mengele wie schon gesagt nicht als nicht-menschliches Monster darstellen will, sondern als Menschen mit einer Vergangenheit, einem Leben, sozialen Bindungen und verschiedenen Charaktereigenschaften. Josef Mengele ist ein Produkt seiner Zeit, jedoch hat nicht jeder seiner gleichgesinnten Zeitgenossen solche Verbrechen begangen, woran lag es also, dass gerade er zu dem wurde, was uns heute ungläubig die Köpfe schütteln lässt? Mengele war ein zerrissener Mann voller Wiedersprüche. In dieser Biographie lernt der Leser langsam die verschieden Facetten seiner Persönlichkeit kennen und kann selbst eigene Vermutungen über den Fall Mengele anstellen.
Mich hat an Mengeles Biographie besonders erschreckt, dass sie bis Auschwitz so unspektakulär war. Er hatte eine ganz normale Kindheit, die keinesfalls als Ursache für die kaltblütigen Verbrechen gesehen werden können. Auch in den nächsten Jahren ist niemandem der Todesarzt in spe in besonders aufgefallen, ein durchschnittlicher Schüler ohne auffällige Begabungen oder Schwächen, er legte keine Auffälligen Verhaltensweisen an den Tag und außer seinem Interesse für Anthropologie lässt wirklich nichts auch nur annährend erahnen, dass er einmal einer der schrecklichsten Männer in der ganzen, an grausamen Menschen nicht armen Naziära werden würde. Heißt das nicht, dass jeder von uns theoretisch, unter bestimmten Umständen zu ähnlichen Taten fähig ist. Ein böses Grundpotential ist in jedem von uns vorhanden und nur durch unser Wissen und Gewissen können wir ihm Grenzen setzen. Man sollte aus Mengeles Biographie lernen, dass die Grenzen, die man sich selber setzt und die Werte nach denen man lebt an den Maßstäben der Menschlichkeit gemessen werden sollten. Das hat die Konsequenz, dass man auch allgemein gültige Wertevorstellungen und Normen hinterfragen und nicht Vorschnell übernehmen sollte. Dies sollte man immer im Hinterkopf behalten, da wir für unsere Taten letztendlich größtenteils ganz allein verantwortlich sind und niemand anders, denn wenn wir selbst unser Handeln nicht kontrollieren, wer soll es dann tun?