Hätte die Evolution den Menschen nicht den Voyeurismus geschenkt, wäre ein entsprechender Entwicklungsauftrag von den Verlegern eingegangen. Klappentext-Dichter versprechen uns gerne grosse Enthüllungen und detaillierte Einblicke in fremdartige Welten. Was den Autoren solcher Schlüssellochbücher allerdings selten gelingt, sind Reiseberichte von Seelenlandschaften. Auch Erik Nolman nicht. Er erzählt uns keine Geschichten, die wenigstens erahnen lassen, was in den Köpfen machtgetriebener Menschen vor sich geht. Und wenn Widersprüchlichkeiten auftauchen, löst er sie nicht auf. Paradebeispiel dafür ist die Aufzählung der Ackermann'schen Wohnkultur. Er besitzt ein Traumhaus am noblen Zürichberg, ein Apartment nahe am Buckingham Palace, eine Luxus-Wohnung in Frankfurt und eine in Manhattan. Und dann folgt der Satz: 'Dennoch wird im Hause Ackermann keineswegs dem Luxus gefrönt.' Eine solche Berichterstattung erinnert doch stark an die 'Peanuts-Geschichte'.
Ich weiss selbstverständlich auch, dass Hofberichterstatter in einer verzwickten Lage sind. Möchten sie in der Nähe ihrer Helden bleiben, müssen sie Krummes gerade biegen und nach Details Ausschau halten, an denen sich ihr kritischer Geist manifestieren lässt. Diese Details finden sich meist dort, wo Beschönigungen ohnehin auf taube Ohren stossen würden. Bei Joe Ackermann ist es sein Kommunikationsverhalten. Doch selbst hier erfahren wir nur, was wir ohnehin schon wissen: Ackermanns kommunikative Sensibilität ist beschränkt. Aber wieso? Ich habe einfach die naive Erwartung, dass mir die Lektüre solcher Biografien wenigsten Anhaltspunkte gibt, um unangenehme Fragen zu beantworten. Wieso stampft der mächtigste Banker Europas wie ein verletzter Elefant durch die Medienlandschaft? Wieso grinst er mit dem Victory-Zeichen in die Kameras? Wieso ist er in der Bankenwelt hervorragend vernetzt, hat aber kaum Kontakte zu Gewerkschaftern und Politikern? Wieso findet er Abfindungen in dreistelliger Millionenhöhe okay? Wie ist der Boden beschaffen, auf dem Eitelkeit so gut gedeihen kann?
"Anatomie eines Aufstiegs" lautet der Untertitel. Das weckt Erwartungen, wenn man dran denkt, dass die medizinische Anatomie Gestalt, Lage und Struktur von Körperteilen, Organen, Gewebe oder Zellen betrachtet. Müsste Erik Nolman zu einer Anatomieprüfung antreten, erhielte er womöglich sogar ein 'genügend', weiß er doch viele Namen und Details. Aber seine Arbeit ist noch längst kein Beweis, dass er das Ganze begriffen hat bzw. vermitteln kann. Klar ist nur, dass Macht und Beziehungen ein Zwillingspaar sind. Verkauft wird der Sitz auf dem Olymp jedoch immer als persönliche Leistung. Da entwarfen die griechischen Autoren ein realistischeres Bild von Göttern und Menschen.
Mein Fazit: Das Versprechen, mir eine facettenreiche Innensicht der Deutschen Bank zu bieten, wurde nur zum Teil eingelöst. Und was als anatomische Beschreibung gepriesen wird, entpuppt sich als ordentliche Aufzählung, die weder überrascht, noch packt. Erik Nolmans Buch reiht sich brav in eine Gattung ein, die auf eine treue Fangemeinde zählen kann und die ich mit meinen Vorbehalten nicht weiter ärgern will.