Mehr als auf eine Reise durch das moderne Jordanien führt der Bildband des Fotografen Alain Chenevière auch in die antike und mittelalterliche Welt des nahöstlichen Landes. Wo viele nur an die Wüstenwelt der Beduinen und den muslimischen Alltag im Schatten der Moscheen denken, zeugen doch auch großartige Ruinenstätten vom Glanz vergangener Reiche - von den Römern, Nabatäern, Byzantinern bis hin zu den arabischen und türkischen Eroberern. Die Rolle der westlichen Mächte bei der politischen Gliederung des nahöstlichen Raumes finden ebenfalls angemessenen Raum in der historischen Betrachtung. In der Art einer regionalen Länderkunde, aber beschränkt auf das Wesentliche und die spannendsten Momente der Geschichte, will der Text über Geographie, Naturraum, die Menschen und ihr Wirken informieren. Wenn auch gelegentlich ein wenig gewagt in seinen wenig wahrscheinlichen Mutmaßungen, in denen Chenevière beispielsweise spekuliert, daß die Menschen in fruchtbaren Gegenden weder Zeit noch Interesse hatten, Monumente zu errichten, bietet er in seinem Text doch einen guten Überblick über die geschichtlichen und modernen Entwicklungen in einem Land, das wegen seines Erdölmangels zu den wirtschaftlich Ärmeren der arabischen Welt gehört. Ausführliche Bildlegenden und zusammenfassende Kapiteltexte geben ebenso einen repräsentativen Eindruck von der Welt der Beduinen, der palästinischen Bauern und der wenigen Städte Jordaniens wieder, wie die große Motive-Vielfalt in der ausgezeichneten Auswahl sorgfältig reproduzierter Farbbilder. So werden in Bild und Text alle wesentlichen Großregionen des mit nur 4,6 Millionen Einwohnern bevölkerten Wüstenstaates vorgestellt: vom Jordantal über den Westabbruch des Jordanischen Hochplateaus, die großen Wüstenregionen, die berühmte Königsstraße östlich des Toten Meeres bis hinab in die farbenprächtige Unterwasserwelt an den Korallenriffen im Golf von Aqaba. Ein Buch, das man immer wieder durchblättern wird, wenn man neue Reisepläne schmieden will. Andreas Gruschke