Da das Buch ca 100 Jahr vor einem Dickens auf den Markt kam hinkt der Vergleich, aber man merkt eine geistige Linie deutlich. Die süße Sophia, Tochter eines Landadeligen, verliebt sich in ihren Kameraden der Kindheit - das Findelkind Tom Jones, mittlerweile ein prächtig aussehender junger Mann. Als Findelkind hat man ihm alles durchgehen lassen, sein Schlag bei den Frauen mit überraschend deutlich beschriebenen Techtelmechteln wurde belustigt, gar bewundernd, zur Kenntnis genommen. Aber Sophia? Plötzlich dreht und wendet sich alles gegen Tom und in einer wunderbaren Arie aus Doppelmoral, Trunkenheit, Lust, Liebe nimmt das Schicksal mit allen Beteiligten seinen Lauf. Natürlich braucht es auch einen "Hofnarr" der in seiner einfachen Art manchmal zur Wahrheit und manchmal zur unnötigen Komplikation beiträgt. Wunderbar in der Figur des Partridge, Nachkomme des Shakespearischen Narren, Vorläufer der Pickwicker.
Das Englisch ist nicht einfach. Es ist eines der wenigen Bücher, durch die ich mich ein wenig arbeiten mußte und wo einzelne Passagen durchaus zwei bis drei mal gelesen werden wollen. Insbesondere die einleitenden Kapiteln, in welchen sich der Autor in die Position des göttlichen Betrachters begibt und das Geschehen mit Parabeln, Gleichnissen etc. kommentiert, haben es in sich. Mir hat das Erarbeiten derselben Spaß gemacht, aber wem diese wirklich zu viel sind der kann sie vielleicht auch überspringen. Ein literarisches Faux Pas, aber die Geschichte versteht man dann trotzdem.
langer Rede kurzer Sinn: kein Buch für schnelle Stunden aber ein wunderbares Werk zum Versinken - in das Werk eines Autors welches schockierend lockerer ist als man sie sich das im 18 Jahrhundert vorstellt und in ein Englisch das richtig viel Freude macht.