Tom Jones steht mit seinem Erscheinen im 18. Jahrhundert in der Tradition der großen erzählerischen Beiträge Englands zur Weltliteratur. Fieldings Werk steht auf der Höhe derer von Swift, Defoe sowie später Thackeray und Dickens und ist aus drei Gründen beachtenswürdig:
1. Vordergründig ist Tom Jones die abwechslungsreiche und trotz der unglaublichen Länge von nahezu 1000 Seiten nie langweilige Geschichte eines Findelkinds, das gegen alle Widerstände der Verwandten und der Gesellschaft am Ende die Tochter eines reichen Landjunkers heiratet.
Im Rahmen dieser Erzählung blättert Fielding aber die Gesellschaft des 18. Jahrhunderts mit einer Präzision auf, dass dem Roman eine verblüffende Zeitlosigkeit zugestanden werden muss. Die Freiheiten des Adels, das Elend der Armen, aber auch die relativ wohlgeordnete Struktur eines trotz aller politischen Unwägbarkeiten funktionierenden Gemeinwesens werden dem Auge des Lesers dargeboten.
Der Autor kombiniert mühelos satirisch-derbe Züge mit Gesellschaftsanalyse und philosophischen Ausführungen und gibt seinen Figuren eine psychologische Tiefe, wie sie in der Weltliteratur nur selten zu finden ist.
Thackerays Romanuntertitel "Roman ohne Helden" würde auch auf diesen Roman passen, ist doch Fielding ein viel zu genauer Beobachter, als dass er seinen Protagonisten irgend etwas Heldenhaftes lassen würde. Er verstrickt sie meisterhaft in Intrigen, Verwicklungen und Abenteuer, die äußerst temporeich und wohl in erster Linie dem Unterhaltungswert geschuldet sind. Dabei bleibt keiner moralisch völlig sauber, aber dafür sind Fieldings Personen um so glaubwürdiger und tiefer.
2. Daneben ist dies aber auch ein äußerst gelehrter, um nicht zu sagen philosophischer Roman, was Fielding in all der Dramatik geschickt verpackt. Da Fielding offenbar äußerst belesen war und seine alten Griechen und Römer - wie etwa Homer, Vergil, Horaz und Ovid) genau kannte, sind diese Ausführungen auch heute noch weit gehend aktuell und äußerst vergnüglich zu lesen und auch geeignet, das Wissen des Autors staunend zu würdigen. Der Autor ist nicht nur ein großer Kenner der Antike, sondern auch ein großer Psychologe und Dialogschreiber.
Insgesamt ist diese Kombination aus erzählerischem Vermögen und psychologischer und philosophischer Fundiertheit eine ziemlich ungewöhnliche.
3. Der Roman besteht aus 18 "Büchern", von denen jedes wiederum mit einem Einführungskapitel versehen ist, in dem sich der Autor kenntnisreich über das Schreiben auslässt. Der Leser erhält somit auch noch eine kostenlose Theorie und Einführung in die Schriftstellerei, die von seltener Fundiertheit ist.
Einen Punkt muss ich aber abziehen, da es dem weisen Satiriker nicht gelingt, ein halbwegs akzeptables und dem Roman würdiges Ende hinzukriegen. Am Ende schüttet er das Füllhorn des Glücks in einem Maße über seine Protagonisten aus, dass es zwar der Glückseligkeit aller Beteiligten dient, aber dem intellektuell versierten Leser etwas peinlich ist. Ein Autor von den Geistesgaben Fieldings sollte ein etwas raffinierteres Ende hinbekommen haben können.